POLEN (2003)

Über die Adoption ihrer beiden Kinder K. und M. aus Polen im September 2003 erzählt Familie F. aus Wien.

Bitte beachten Sie, dass alle „Länderberichte“ die Adoptionsmöglichkeiten zum Zeitpunkt des Interviews wiedergeben und sich die Gegebenheiten in den Herkunftsländern immer wieder verändern. Wir können daher nicht garantieren, ob Adoptionen unter den beschriebenen Bedingungen zurzeit möglich sind. (red.)

Wie kam es, dass ihr Polen als Adoptionsland in Erwägung gezogen habt und warum habt ihr euch letztlich dafür entschieden?

Nachdem gute Freunde von uns in Polen leben, die Familie meines Mannes zum Teil polnische Wurzeln hat und wir erfahren haben, dass in Polen viele Heime voller Kinder sind, entschlossen wir uns, eine Adoption aus Polen zu versuchen. Wir waren dann anlässlich der Erstkommunion unseres Taufkindes auf Besuch bei unseren polnischen Freunden in Warschau und nutzten die Gelegenheit, bei der dortigen zentralen Behörde vorzusprechen, die im Rahmen des Haager Abkommens für internationale Adoptionen zuständig ist. Dort haben wir erfahren, dass wir als Adoptivwerber in Frage kommen. Allerdings waren die Beamten in der zentralen Behörde eher zurückhaltend und auf keinen Fall überschwänglich. Sie haben sich prüfend verhalten, um abzuklären, ob wir nicht mit unrealistischen Erwartungen kommen. Von Anfang an hieß es, die Kinder sind nicht jünger als zwei Jahre alt und/oder haben kleinere gesundheitliche Einschränkungen. Auch wurden wir gefragt, ob wir uns die Adoption von Geschwisterkindern vorstellen können. Nach kurzer Überlegung sagten wir zu.

Wie genau läuft eine Adoption aus Polen ab?

In der Zwischenzeit hatten wir in Österreich bei der Jugendbehörde die entsprechenden Schritte eingeleitet und um Eignung als Adoptionswerber angesucht. Nach der Entscheidung für Polen haben wir das dem Jugendamt mitgeteilt, sodass der Sozialbericht gleich für Polen geschrieben werden konnte. Alle nötigen Papiere wurden gesammelt, von einem beeideten Dolmetscher übersetzt und erneut zur Jugendbehörde gebracht, die die Originale und die beeidete Übersetzung vom Land Wien offiziell an die polnische Zentralbehörde übermittelt hat. Wir waren damals die ersten österreichischen Adoptivwerber für Polen, seit das Haager Abkommen in Österreich in Kraft getreten ist. Ich musste daher viele Details erst herausfinden, habe aber sowohl in Polen als auch in Wien sehr kooperative Ansprechpartner gefunden. Von polnischer Seite gibt es eine Liste, die Auskunft gibt, welche Dokumente für eine internationale Adoption erforderlich sind. Dazu gehörte auch eine Bestätigung, wie der Ablauf in Österreich geregelt ist, d.h. es war nötig zu erklären, dass es in Österreich laut Haager Übereinkommen neun zentrale Behörden in den einzelnen Bundesländern gibt und das Land Wien für unsere Bewerbung zuständig ist.

Essen im Park in Polen

In Warschau selbst gibt es drei Stellen, die sich mit Auslandsadoptionen beschäftigen, wobei zwei Stellen uns sofort erklärten, dass sie mit Privatpersonen nicht zusammen arbeiten und die dritte staatliche Stelle die Kooperation mit uns bzw. der für uns zuständigen Behörde akzeptiert hat. Viele polnische Kinder werden nach Deutschland, in die USA, nach Kanada, Italien etc. vermittelt, sodass die Behörden über unseren Antrag sogar erfreut waren, weil es bisher in diesem Bereich keine Kontakte zwischen Österreich und Polen gab.

Etwa sechs Wochen nachdem unsere Papiere in Warschau eingetroffen waren, erhielten wir Anfang August 2002 einen Anruf von unserer Dolmetscherin, dass wir als offizielle Adoptivwerber anerkannt sind. Danach begann eine für uns sehr ruhige Phase, die ich im Gegensatz zu vielen anderen in den ersten Monaten sehr genossen habe. Ich wusste, es ist alles erledigt und ich kann im Moment nichts mehr zum Gelingen der Adoption beitragen. Gleichzeitig war ich mir der Adoption sicher und konnte in Ruhe darauf warten, bis sich unser Leben von Grund auf verändern würde. Mein Mann hatte mittlerweile auch beruflich viel in Polen zu tun, sodass wir die Gelegenheit öfter nutzten, um auf Höflichkeitsbesuch bei der zentralen Behörde zu machen. Bei einem dieser Besuche - wir waren nun doch schon etwas ungeduldig - erfuhren wir im Februar 2003 von einem Geschwisterpärchen, für das Eltern gesucht wurden, von dem aber noch keine Unterlagen bei der zentralen Behörde vorlagen außer die Namen und Geburtsdaten. Obwohl das nur eine vage Information war und man ohne Unterlagen gar nichts entscheiden konnte, gingen unsere Phantasien schon in Richtung dieser beiden Kinder und es war eine große Enttäuschung, als der offizielle Kindervorschlag ausblieb.

Polnischer Sommer...

Ich hatte noch damit zu kämpfen, als uns im April dann der "echte" Kindervorschlag für K. und M. erreichte. Wir bekamen damals ebenfalls über unsere Dolmetscherin die Information, dass ein Geschwisterpärchen mit damals dreieinhalb und viereinhalb Jahren zur Vermittlung stünde. Obwohl das etwas über der Altersgrenze lag, die wir uns gesetzt hatten, stimmten wir nach einer kurzen Bedenkzeit prinzipiell zu und erhielten daraufhin die Berichte über die Kinder in Übersetzung zugeschickt. M's Unterlagen waren sehr unauffällig. Bei K. war klar, dass er eine gesundheitliche Beeinträchtigung hat, da er mit cerebraler Kinderlähmung geboren wurde und davon ein "Spitzfuß" zurückgeblieben ist, d.h. ein verkürzter nach innen gedrehter Fuß. K. läuft daher etwas holprig. Beim psychologischen Bericht war eindeutig, dass beide stark vernachlässigt ins Heim eingeliefert worden waren, nun schon fast drei Jahre dort lebten, sich sehr gut entwickelt hatten und ihre Prognosen als gut bewertet wurden. Nachdem uns diese Berichte vorlagen, wurde abermals nachgefragt, ob wir uns eine Adoption vorstellen können und mit unserer Zusage wurde ein Termin vereinbart, an dem wir unsere Kinder kennen lernen konnten.

Das war Anfang Mai und wir waren sehr, sehr aufgeregt, als wir das erste Mal das Kinderheim in Glatz/Schlesien, 320 km nördlich von Wien, besucht haben. Wir hatten zuerst ein Gespräch mit der Mutter Oberin, die das Heim leitet und der Direktorin des zuständigen regionalen Zentrums. Im Anschluss lernten wir die Kinder kennen. Ich werde nie vergessen, wie sie an der Hand einer Pflegerin die Treppe hinunter gekommen sind, jedes Kind auf einer Seite. Beide Kinder setzten sich auf den Schoß meines Mannes, da Männer in dem von Nonnen geführten Heim etwas sehr seltenes sind. M. blieb dort sitzen, K. lief ganz aufgeregt herum und ich beobachtete. Ich fand die Kinder sehr lieb und unglaublich klein - ich hatte sie mir viel größer vorgestellt - und fühlte mich irgendwie ganz erschlagen von dem Moment. Wir verbrachten dann vier Tage mit den beiden, waren jeweils vormittags und nachmittags im Heim und durften am dritten Tag schon einen Ausflug machen. An diesem Tag hatte ich einen Einbruch und große Bedenken, ob ich mir das alles überhaupt zutrauen kann und telefonierte daraufhin mit einer lieben Freundin, die in der Adoptionsvermittlung tätig ist.

K. im Kinderpool

Sie beruhigte mich und meinte, dass das gerade für Adoptivmütter eine sehr normale Reaktion ist. Ich konnte dann noch eine Nacht darüber schlafen und ab dann war alles klar. Am vierten und letzten Tag wurden wir gefragt, ob wir die Kinder adoptieren möchten und wir bejahten. Für die Kinder hingegen war es vom ersten Besuch an selbstverständlich, dass wir ihre neuen Eltern sind. Sie inspizierten uns als "Mama" und "Papa", dann auch das Auto und damit war die Sache erledigt.

Da Glatz so nahe bei Wien liegt, beschlossen wir, ungefähr jede dritte Woche ein verlängertes Wochenende in Polen zu verbringen und reisten von nun an ohne Dolmetscherin, weil sie das Zusammenwachsen der Familie eher behinderte. Bei diesen Besuchen konnten wir die Kinder vormittags und nachmittags mitnehmen und Kleinigkeiten mit ihnen unternehmen, z.B. auf den Spielplatz oder in den Minizoo gehen. Ab dem dritten Besuch verbrachten sie den ganzen Tag mit uns.

Auf der Behördenseite wurden alle Papiere mit unserem "ja" wieder an die zentrale Behörde in Warschau geschickt. Im Endeffekt kamen sie dann an das zuständige Gericht in Glatz und wir mussten auf einen Gerichtstermin warten, der sich auf Grund der Gerichtsferien im Sommer verzögerte. Im August erhielten wir Bescheid, dass unser Gerichtstermin für den 19. September anberaumt war. Da wir schon so oft in Polen waren, wurden uns die zwei Wochen erlassen, die man davor mit den Kindern vor Ort verbringen muss und wir fuhren erst fünf Tage vor dem Gerichtstermin nach Polen. Dort bezogen wir ein Ferienapartment, das wir bei den vorangegangenen Besuchen ausfindig gemacht hatten. Ab dem Tag der Gerichtsverhandlung durften die Kinder auch bei uns übernachten. Das war ein wahnsinnig aufregender Schritt und wir waren ganz überrascht, wie reibungslos er verlief.

Die Gerichtsverhandlung war sehr umfassend mit einem Richter und zwei Schöffen. Wir wurden in den Zeugenstand gerufen und mussten aussagen, wer wir sind, was wir verdienen, wie wir zu den Kindern stehen, wie das Kennenlernen war, ob wir glauben, dass wir die Richtigen sind, wie wir uns die Zukunft vorstellen etc. Der Richter war sehr bemüht, anfangs sehr streng, dann aber wieder sehr menschlich und wollte abklären, ob wir keine falschen Vorstellungen hätten. Beispielsweise wurden wir gefragt, was wir tun, wenn die Kinder uns die Wohnung ruinieren und ich antwortete darauf, dass sie das schon gemacht hätten. Daraufhin mussten alle lachen. Am Ende der Verhandlung wurde uns mitgeteilt, dass der Gerichtsbeschluss drei Wochen später wirksam sei und wir ihn abholen könnten.
Ein paar Tage vor dem Gerichtstermin waren wir noch drei Stunden in einer Institution, wo uns eine Pädagogin und eine Psychologin intensiv im Beisein der Kinder, der Oberin und der Dolmetscherin interviewten, um ein Gutachten für Gericht zu erstellen. Alle saßen da, der Raum war voller Spielsachen und wir sollten mit den Kindern spielen und wurden dabei beobachtet. Diese Situation ist natürlich fernab jedes Alltags, aber die Kinder bemerkten offensichtlich die Tragweite der Situation und unterstützen uns, wie wir uns das nie hätten vorstellen können. Sie begannen, sich mit den dortigen Spielsachen zu beschäftigen, deutsch zu sprechen, M. fiel hin und wollte sich nur von mir trösten lassen... sie zeigten alles, was wir der Psychologin und der Pädagogin erzählt hatten, nämlich dass die Bindung wächst, dass die Deutschkenntnisse wachsen etc.. Die Kinder mussten uns dann auch noch zeichnen und diese Zeichnungen wurden interpretiert. Dieses Gutachten lag dann auch bei Gericht vor und es war sichtlich positiv.

Nach der Gerichtsverhandlung verbrachte mein Mann noch zwei Wochen seines Urlaubs bei uns, dann kam meine Mutter und die letzten vier Wochen war meine Schwiegermutter mit mir in Polen, weil alles länger als erwartet dauerte. In dieser Zeit haben die Kinder sprachlich sehr große Fortschritte gemacht. In der vierten oder fünften Woche begannen sie auf Deutsch umzustellen und auch miteinander nur mehr deutsch zu sprechen.

M. mit Käppchen und Flasche

Nun waren plötzlich sie im sprachlichen Nachteil und nicht ich, die ich davor versucht hatte, sie zu verstehen und auch brockenweise auf polnisch zu antworten. Nach der Sprachumstellung hatten die Kinder einen relativ geringen Wortschatz, aber die Verständigung, das Nonverbale und das Sich-immer-besser-Kennen waren damals schon gut entwickelt.

Nachdem wir den Gerichtsbeschluss erhalten hatten, beantragte ich mit einer Klosterschwester am Standesamt neue Geburtsurkunden und mit diesen wurde um neue Pässe angesucht. Da in Polen alles zentral über Warschau läuft, mussten wir relativ lange warten, obwohl der Antrag doppelt so schnell bearbeitet wurde wie der von polnischen Staatsbürgern. Mit der Nachricht, dass die Pässe da sind, haben wir dann die Heimreise organisiert. Wir hatten schon vorher begonnen, sehr viel von Wien zu sprechen, v.a. als mein Mann uns immer an den Wochenenden besuchte und dann wieder nach Wien zur Arbeit musste. In Wien selbst haben wir von der gemeinsamen Zeit in Polen sehr profitiert. Die Kinder kannten ja keinen Familienalltag und das haben wir oben alles eingeübt: dass man sich am Herd verbrennen kann und bei der Waschmaschine nicht drücken darf - all diese Kleinigkeiten wussten sie bereits, als wir nach Österreich kamen.

Kannst du etwas über die Kinder erzählen, die aus Polen zur Adoption kommen?

Ich kann von dem Heim erzählen, in dem K. und M. lebten. Die Kinder, die von dort zur Adoption ins Ausland vermittelt werden, sind zwischen zwei und sechs Jahre alt. Oft sind es Geschwister und Kinder, die ein gesundheitliche Beeinträchtigung haben, wobei das nie eine schwere Behinderung ist, sondern Kleineres wie Kordians Fuß, Augenfehler, Hörfehler, orthopädische Probleme, Entwicklungsrückstände etc. Das sind oft Gründe, warum sie nicht schon als Baby im Inland vermittelt wurden. Während unserer Adoptionszeit haben allerdings auch zwei Geschwisterpärchen im Alter unserer Kinder polnische Eltern gefunden, d.h. auch in Polen wird viel adoptiert, sodass die Zahl der Auslandsadoptionen nicht so groß ist.

In unserem katholisch geführten Heim sind Schwestern für die Kinder verantwortlich, die sich wirklich bemühen, sehr nett sind und mitten im Leben stehen. Die Kinder haben hier beständige Bezugspersonen. Das ist aber nicht der Normalfall, da kirchlich geführte Heime finanziell besser ausgestattet sind und die Schwestern einen anderen Zugang im Umgang mit den Kindern haben. Ich habe kein staatliches Heim gesehen, aber gehört, dass hier die Situation nicht so gut ist, dass das Pflegepersonal ständig wechselt usw. So gesehen hatten wir riesiges Glück, denn unsere Kinder sind aus heutiger Sicht sehr normal für ihr Alter, sind sehr gefördert worden und reden noch immer liebevoll von zwei Schwestern, denen wir auch Briefe schicken.

Wenn du an Polen denkst, welche Eindrücke hat das Land bei dir hinterlassen?

Unsere Eindrücke von Polen sind durchwegs positiv. Alle Leute, die wir kennen gelernt haben, waren sehr professionell, bemüht und freundlich und als Österreicher hatten wir auch einen echten "Startvorteil" gegenüber anderen Nationen. Beeindruckt hat mich auch, dass Polen ebenso wie Österreich mitten in Europa liegt und die beiden Länder geschichtlich, geografisch und mentalitätsmäßig in vielerlei Hinsicht verbunden sind - vor allem eben Südpolen. Vieles hat mich an meine Kindheit in Österreich, an meine Ferien im Burgenland der 60er und 70er Jahre erinnert. Dazu kommt, dass Schlesien landschaftlich wunderschön ist und wir sicher noch oft hinfahren werden.



Das Gespräch führte Jutta Eigner.

Veröffentlichungsdatum: 22.12.2003


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