MAN KOMMT ZUSAMMEN, SPIELT FAMILIE UND IRGENDWANN WIRD MAN DANN EINE

Elisabeth F. berichtet über ihre Erfahrungen nach der Adoption ihrer Kinder aus Polen, wie es ist, wenn Geschwister gleichzeitig in die Familie kommen und welche Erfolge und Herausforderungen das erste Jahr als Familie mit sich gebracht hat.

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Adoptionsberatung.at: Sie haben vor bald eineinhalb Jahren ein polnisches Geschwisterpaar adoptiert, wobei das Mädchen damals gerade vier und der Junge fast fünf Jahre alt war und eine körperliche Einschränkung hat. Diese Aufgabe ist sicher nicht immer einfach. Wie haben Ihre persönlichen Vorstellungen von Familie ausgesehen und wie war dann die Realität?

Elisabeth F.: Ich hatte nur sehr wenige Vorstellungen. Was mich überrascht hat, war die Intensität der Wirklichkeit. Das hat mich oft staunend und müde zurück gelassen. Am ehesten hatte ich Bilder von gemeinsam spielenden Kindern im Kopf, weil mein Mann und ich beide Geschwister haben und ich mich erinnere, als hätte ich immer mit meiner Schwester gespielt. Inzwischen, nach einem guten Jahr, hat sich diese Vorstellung auch bewahrheitet und unsere beiden beschäftigen sich tatsächlich viel miteinander. Sie streiten und lieben sich wie es bei Geschwistern üblich ist. Im ersten Jahr war die Geschwisterbeziehung für sie aber gar nicht einfach, weil sie ja vorher in einer Gruppe waren und die Dynamik zu zweit nicht kannten. Das heißt, es war nicht nur neu, Eltern zu haben, es war auch neu, als Geschwister miteinander allein und nicht in einer Gruppe zu sein. Daher gab es auch extreme Machtkämpfe und viele Eifersüchteleien. Ich kann das gut nachvollziehen, denn nun hatte jeder von ihnen endlich Eltern und die mussten gleich wieder geteilt werden. Andererseits hat es ihnen sicher auch etwas gegeben, dass sie eben nie allein waren. Sie haben alles zu zweit erlebt.

Adoptionsberatung.at: Was bringt es mit sich, wenn zwei Kinder auf einmal kommen?

Elisabeth F.: In der ersten Zeit gab es für uns Eltern eine extreme Überbelastung. Ich merke einfach, wenn ich ein Kind allein habe, wie anders die Kinder sind. Dann kann man vollkommen auf einen eingehen, richtige Gespräche führen und auch leichter gemeinsam Dinge unternehmen. Wenn zwei da sind, neige ich eher dazu, sie möglichst unter Kontrolle zu haben, sei es im Supermarkt oder in der Küche. Daran musste ich mich am Anfang erst gewöhnen: schreit der eine links, schreit der andere rechts, läuft einer nach links, läuft der andere nach rechts... Eine der einprägsamsten Szenen spielte sich schon in Polen ab. M. lief mir in einem Trotzanfall auf der Straße davon und K. lief in die andere Richtung. Wir waren meistens zu zweit mit den Kindern unterwegs, aber gerade in dieser Situation war ich allein. Auch im Kindergarten gibt es solche Momente. Kaum hat man ein Kind angezogen, ist es weg, das andere halb angezogen und auch weg... Ein anderes Beispiel ist das zu Hause mithelfen: kaum erlaubt man einem etwas, will es der andere auch und man müsste einen momentanen Duplikator aller Dinge haben: das rote Häferl müsste man duplizieren können, bis es nicht mehr interessant ist, dann müsste man den blauen Teddybär duplizieren können und, und, und... Das macht den Alltag oft sehr anstrengend. Inzwischen geht es im Verhältnis zum letzten Jahr aber schon sehr geordnet zu. Beim Erzählen merke ich, wie viel sich verbessert hat.

Adoptionsberatung.at: War das Alter der Geschwister günstig für den Wechsel in die Familie?

Elisabeth F.: Ich glaube ja, weil sie einerseits noch klein waren und andererseits doch in einem Alter, wo man sie schon fragen konnte und wo sie sich Dinge bewusst machen und diese auch verbalisieren konnten. Eine uns bekannte Adoptivmutter hat Geschwister mit 8 und 19 Monaten adoptiert und ich habe sie darum nicht beneidet. Sie hat wohl streckenweise so ausgesehen, wie ich mich damals gefühlt habe: mit dunklen Ringen unter den Augen. Auch sie hat die Heftigkeit stark mitgenommen.
Was ich Adoptivwerbern erzähle, die mich nach einer Geschwisteradoption fragen ist, dass es anfangs nur eine Plusliste zu geben scheint und auf der Minusliste fast nichts. Im Nachhinein sind beide Seiten fast gleich stark. Ich finde noch immer, dass das Plus überwiegt, wenn man es sich zutraut und es ist gar nicht so schlecht, wenn man ein wenig blauäugig in die Sache geht, denn sonst würde es wahrscheinlich überhaupt niemand machen. Persönlich bedaure ich oft, dass die Zeit so schnell verrinnt und ich das Gefühl habe, einerseits sind mir die Kinder manchmal zu viel und andererseits habe ich nicht genug von jedem einzelnen, wo doch jeder es mehr als verdient hätte, jetzt einmal so richtig nachzuholen.

Adoptionsberatung.at: Wenn man die erste Zeit mit der Zeit nach einem halben Jahr oder einem Jahr vergleicht, wie hat sich die Familie und die gegenseitige Beziehung entwickelt?

Elisabeth F.: Zwei Dinge sind schön zu spüren. Das eine ist, dass die Liebe wächst. Das fand ich irrsinnig beruhigend, denn ich hatte in der ersten Zeit schon die ärgsten Befürchtungen, weil ich die Kinder zwar gerne hatte, die vielbeschworene Mutterliebe aber nicht sofort da war. Ich bin ein Mensch, bei dem die Gefühle wachsen und nicht mit Knall und Fall da sind. Das zweite ist, dass auch die Sicherheit wächst. Das ist so schön! Jetzt, wo sich das Jahr mit allen Traditionen wiederholt, merkt man, wie die Kinder eine Sicherheit gewinnen, die durch das Sagen einfach nicht so kommen kann, wie durch das Erleben. Wir konnten ihnen hundert mal sagen, ja, ihr bleibt bei uns, aber sie mussten es auch spüren und erfahren. Wir mussten sie auch etliche Male verlassen, damit sie nun wissen, wir kommen immer wieder. Durch diesen Prozess kommt man ohne Erfahrung nicht durch und das ist glaube ich auch die anstrengendste Zeit. Jetzt wiederholt sich alles und sie erkennen die Dinge wieder. Inzwischen sprechen sie von sich - und das ist wirklich sehr witzig - vom letzten Jahr als "damals, als ich jung war..." oder "Mama, als wir uns kennen gelernt haben, damals als ich klein war..."

K. und M. erzählen immer wieder von der Zeit in Polen, beispielsweise wenn sie auf Dinge treffen, die es in Polen auch gab wie Zuckerln im Supermarkt. Auch die Hauptbetreuungsperson Sr. P. ist immer wieder ein Thema, ebenso die leibliche Familie, an die es aber keine praktischen Erinnerungen mehr gibt. Für mich ist es sehr beruhigend, dass sich die beiden an das Kinderheim mit Lachen erinnern können. Es war also auch vieles sichtlich gut, obwohl es auch negative Erfahrungen gab.
K. hat unlängst ganz klar gesagt: "Die Frauen brauche ich nicht." Gemeint waren die Pflegerinnen, die im Heim einfach "Frau" ("pany") genannt wurden, weil sie sich im Rad abwechselten. Manchmal wachen die Kinder im Mittagsschlaf auf und weinen "pany, pany". Von den anderen Kindern im Heim erzählen K. und M. nie direkt. Das war schon eine Art Zwangsgemeinschaft und Konkurrenz um jedes Streicheln, jedes Zuckerl...
M. hat vor unserer Polenreise im Sommer misstrauisch gefragt, ob wir wieder ein Kind mitnehmen. K. wollte einmal wissen, ob wir auch ein anderes Kind genommen hätten. Ich habe dann wahrheitsgemäß geantwortet, dass man uns nur gefragt hat, ob wir ihre Eltern sein wollen und dass wir das wollten. Damit war er momentan zufrieden, aber er überlegt da sichtlich.

Adoptionsberatung.at: Wenn man an die Adoption älterer Kinder denkt, fällt vielen Leuten zuerst einmal die sprachliche Hürde ein. Es gibt aber wahrscheinlich andere Hürden, die größer sind?

Elisabeth F.: Die Sprache ist bei den ersten zwei Treffen wohl am auffälligsten, aber insgesamt gesehen eine der kleineren Hürden. Die Bindung würde ich als Hürde bezeichnen, in dem Sinn, als man sich bewusst sein sollte, dass man sich dafür Zeit nehmen muss und es nicht von heute auf morgen gehen kann. Ich persönlich hatte diese Erwartung teilweise an mich selbst und musste sie mit der Zeit zurecht rücken. Bindung muss erfahren werden, die Gefühle, die Sicherheit, dass jemand grantig sein kann, etwas verbieten kann, wir aber dennoch zusammen bleiben.
Es gab dann immer wieder kleine Momente, an denen ich bemerkte, dass ein Stück weitergegangen war. Diese Momente haben mich so beruhigt, z.B. das erste Mal als sie bei uns geschlafen haben und ich so richtig dieses warme Gefühl in mir spürte: "Eigentlich sind sie ja so süß!" Als sie aufwachten, war der Gedanke wieder weg, weil sie gleich geschrieen und sich an den Haaren gerissen haben. Es gab auch von ihrer Seite immer wieder liebe Worte und Aussagen wie "Mama, du bist die Schönste!"
Nach wie vor brauchen die Kinder die Versicherung, dass es so bleiben wird. Als wir schon viele Monate hier waren, haben beide am Weg zum Kindergarten einmal gefragt, wann sie wieder zurück müssen. M. hat auch irgendwann aus Eifersucht ihrem Bruder eingeredet, dass er zurück muss und sie bleiben kann. Das hat er sich sehr zu Herzen genommen, weil es von seiner Schwester kam, die manchmal extrem offensichtlich eifersüchtig ist. Man kann in der früh 20 Minuten mit ihr schmusen, bevor er aufwacht und wenn er dann kommt und die Hände ausstreckt, um sich ein Bussi abzuholen, beginnt sie zu schreien und zu toben, dass sie keinen Bruder will. Das hat sie, wenn sie mit ihm spielen will natürlich wieder vergessen. Von K's Seite gab es solche Rivalitäten weniger. Er scheint mehr an ihr zu hängen oder er zeigt es mehr, obwohl auch sie wieder ganz rührende Momente hat, wenn er etwas kann oder sich etwas mit seinem Fuß verbessert. Da kann sie sich so mit ihm freuen und so stolz sein.

Adoptionsberatung.at: K. war als Baby halbseitig gelähmt. Aus dieser Zeit ist ein "Spitzfuß" zurück geblieben, d.h. er konnte bei seiner Ankunft in Österreich einseitig nur auf Zehenspitzen auftreten. Wie ist sein gesundheitliches Handicap aus heutiger Sicht einzuschätzen?

Elisabeth F.: Zuerst einmal muss ich sagen, dass die polnischen Gesundheitsberichte ausgesprochen gut waren. Aber natürlich gibt es hier ganz andere Fördermöglichkeiten. Das Orthopädische macht meines Erachtens geradezu phantastische Fortschritte. K. hat nun bald ein dreiviertel Jahr eine Schiene und wenn er steht, kann er inzwischen zu zwei Drittel auf beiden Fußflächen stehen. Der betroffene Fuß ist glaube ich im letzten Jahr um vier Zentimeter mehr gewachsen als der andere, sodass er inzwischen normale Halbpatschen mit Klettverschluss tragen kann, ohne herauszurutschen. Wir haben gute Prognosen, dass sich der Fuß fast normalisieren wird. Dadurch kommen nun die anderen Folgen seiner Krankheitsgeschichte mehr zum Vorschein. Man sieht, dass er Wahrnehmungsstörungen hat, dass er oft nicht gut sieht, wo er selber aufhört, wo er anfängt und wo er im Raum ist. Auch die rechte Hand war von der Lähmung betroffen, sodass es Probleme mit der Feinmotorik gibt. Daraus resultieren viele Schwierigkeiten im Alltag. Er hat eine geringe Frustrationstoleranz, aber auch da verändert sich viel mit der gezielten Förderung. Wir haben einmal in der Woche Ergotherapie. K. sagt, er geht spielen und er liebt das. Hier werden alle Sinnes- und Körpererfahrungen gezielt trainiert und versucht, so viel wie möglich nachzuholen. Außerdem hat er alle zwei Wochen Physiotherapie und im Kindergarten Vorschulübungen. Es tut sich sehr viel und er hat ja noch ein Dreivierteljahr bis zur Schule. Dort wird er höchstwahrscheinlich in eine Integrationsklasse gehen, sodass er im Prinzip auch noch in den nächsten vier Jahren Zeit hat, manches langsamer als andere aufzuholen und die Diskrepanz zwischen Kopf und Körper kleiner zu machen. Ich denke mir aber, dadurch dass sein Beinchen jetzt hinunter kommt, er sich auf den Boden stellt und irgendwann mit beiden Beinen auf der Erde stehen wird, ist schon so viel geschehen...

Adoptionsberatung.at: Wenn ich Ihre Beschreibungen höre, könnten sie von jeder anderen Familie auch kommen...

Elisabeth F.: Nicht wahr? Der einzige Unterschied bei einer Adoption älterer Kinder ist, dass spürbar eine Zeit fehlt. Die Zeit, wo man so glückselig lächelnd als Paar auf das schlafende Baby blickt und einfach nur stolz ist. Diese Phase muss man sich irgendwie anders in kleinen Momenten holen, falls man das überhaupt nachholen kann. Eine Freundin von mir, die einen gleichaltrigen Buben hat, hat das einmal ganz krass ausgedrückt. Sie sagte zu mir: "Ich habe meinen Sohn ja sehr lieb, aber ich habe ihn auch ganz klein gekriegt und jetzt ist er teilweise ein richtiges "Gfrast". Und du bekommst ja gleich solche "Gfraster"..." Das trifft die Sache haargenau. Es gehört wohl für Kinder dazu, so zu sein, aber das kratzt zum Teil am ohnehin schwächeren Nervenkostüm von Adoptiveltern, wenn man so viele Aufgaben plötzlich übernehmen muss. Deswegen muss man sich die lieben Momente im Stillen holen, aber die bemerke ich auch erst, je gelassener ich werde. Letztes Jahr zu Weihnachten bin ich mir beispielsweise wie ein Animator vorgekommen, der dafür sorgt, dass das Programm rechtzeitig startet und alles passt. Gefühle gab es keine. Am zweiten Weihnachtstag, als um 6.00 Uhr wieder die Schreierei losging, sahen mein Mann und ich uns an und sagten: "Haben wir jetzt eigentlich Weihnachtsferien? Das war doch früher anders..." Heuer können wir alle die Weihnachtszeit viel besser genießen. Die Kinder freuen sich und singen jeden Abend. Obwohl Routine für uns Erwachsene keinen anstrebenswerten Beigeschmack hat, ist für die Kinder alles so positiv, was in diese Richtung geht. Und mir tut die Routine auch gut.

Adoptionsberatung.at: Was würden Sie Paaren raten, die Geschwister adoptieren wollen?

Elisabeth F.: Überlegt es euch gut! Ich finde es prinzipiell nach wie vor richtig, aber man sollte mit realistischen Augen in das erste Jahr gehen. Mein Hauptgefühl für dieses Jahr ist Müdigkeit, auch wenn das in vielen Familien mit Babys genauso vorherrscht. Ich würde mit nicht allzu großen Erwartungen in die erste Zeit gehen und das Langsame immer wieder betonen. Man überfrachtet sich und die Kinder, wenn man glaubt, es geht von heute auf morgen. Ich habe einmal gelesen, dass in dieser Zeit alle "Familie spielen" und das hat zugetroffen. Die Eltern spielen Eltern, weil sie das noch nicht waren und im Kopf haben, wie Familie funktionieren könnte. Die Kinder spielen mit, weil sie es auch noch nicht kennen. Man kommt zusammen und spielt Familie und irgendwann wird es dann eine!

Familie F. hat im September 2003 die Geschwister K. und M. aus Polen adoptiert. Die Familie lebt in Wien.

Veröffentlichungsdatum: 10.01.2005


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