CHINA (2005)

Über die Adoption Ihrer Tochter Anna Xing aus China berichtet die Österreicherin Susanne Götzinger, die mit ihrer Familie in Island lebt

Bitte beachten Sie, dass alle „Länderberichte“ die Adoptionsmöglichkeiten zum Zeitpunkt des Interviews wiedergeben und sich die Gegebenheiten in den Herkunftsländern immer wieder verändern. Wir können daher nicht garantieren, ob Adoptionen unter den beschriebenen Bedingungen zurzeit möglich sind. (red.)

Zur Zeit ist es Österreicher/innen nicht möglich, aus China zu adoptieren, außer -wie in Deinem Fall- man lebt nicht in Österreich, sondern in einem Staat, der diesbezüglich ein Abkommen mit China geschlossen hat.
Was war für Euch ausschlaggebend, eine Adoption aus China anzustreben und wie sieht der Adoptionsprozess für Bewerber in Island aus?

Mein Mann ist Isländer und ich lebe seit 9 Jahren hier. Island ist ein kleines Land und einiges läuft anders als in Österreich. Es gibt hier den Verein Isadopt, der seit ungefähr 20 Jahren besteht. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Verein einen guten Ruf bei den zuständigen Stellen in den Ministerien erworben und in der Zwischenzeit ist es so, dass Auslandsadoptivwerber von allen Stellen an Isadopt verwiesen werden. Isadopt ist der einzige Verein seiner Art in Island und vom hiesigen Justizministerium autorisiert, Isländer bei Auslandsadoptionen zu unterstützen. Eine kurze Geschichte von Isadopt und Infos findet man auf der Website des Vereins (www.isadopt.is/index.php?p=english).

Isadopt hat im Laufe der Jahre verschiedene Länder betreut. Vor ungefähr 20 Jahren kamen viele Kinder aus Sri Lanka. Dann gab es jahrelang sehr gute Beziehungen zu einem Kinderheim in Indien und die Mehrheit der Kinder kam von dort. Der Verein hat sich sehr lange um gute Kontakte zur chinesischen Adoptionsgesellschaft CCAA bemüht. Allerdings wurde Island von China als annehmender Staat nicht anerkannt, da die isländischen Adoptionsgesetze den chinesischen Ansprüchen nicht genügten, was ja auch für Österreich gilt.

Anna Xing

Durch gezielte Intervention und viel Kleinarbeit ist es letztlich aber gelungen, im Jahre 2000 eine neue Adoptionsgesetzgebung zu erreichen, die nun auch den chinesischen Vorgaben gerecht wird. 2001 wurde ein diesbezügliches Abkommen mit China unterschrieben und im Mai 2002 kamen die ersten Kinder von China nach Island. Seither finden jedes Jahr etwa 30 chinesische Kinder eine Familie in Island und die Tendenz ist steigend.

Unsere persönliche Entscheidung war davon bestimmt, dass der Ablauf einer Adoption von China aus sehr gut geregelt ist. Es sind viele Papiere notwendig, aber die chinesische Behörde arbeitet genau und gut organisiert, sodass man derzeit davon ausgehen kann, etwa sieben Monate nach Eintreffen der Unterlagen bei CCAA einen Kindervorschlag zu bekommen. Hätten wir uns für Indien entschieden, hätten wir die Informationen über das Kind nach ungefähr eineinhalb bis zwei Jahren bekommen und dann mit dem Foto in der Hand noch bis zu neun Monate warten zu müssen, bevor wir das Kind wirklich
bekommen hätten. China war so gesehen für uns die einfachste und beste Möglichkeit, zumal ich ohnehin sehr gerne ein Mädchen adoptieren wollte.

Wie genau läuft eine Adoption von China nach Island ab?

Zuerst bezahlen die Adoptivwerber ein Wartelistengeld an Isadopt und stellen ein Ansuchen um vorläufige Pflegschaftsbewilligung beim Justiz- und Kirchenministerium. Dabei muss man das Land bereits angeben, aus dem man adoptieren möchte. Dem Ansuchen sind etliche Dokumente beizufügen (Geburtsurkunden, Heiratsurkunde, Meldezettel, Unbescholtenheitszeugnisse, Steuererklärungen der letzten zwei Jahre, ärztliches Attest, pro Ehepartner jeweils ein Formular für das Ansuchen um Pflegebewilligung). Nach Eingehen des Ansuchens bittet das Ministerium die zuständige Gemeinde um die Erstellung eines Sozialberichtes.

CCAA verlangt mindestens vier Treffen, die wir absolvierten, wobei die Psychologin auch zu uns nach Hause kam. Die Gemeinde verfasste dann ein Schreiben, in dem sie dem Ministerium mitteilte, dass wir als Eltern geeignet sind und eine Pflegschaftsbewilligung empfohlen wird. Irgendwann in dieser Zeit haben wir auch einen Vorbereitungskurs bei Isadopt absolviert. Sobald die Pflegschaftsbewilligung nach fünf bis sechs Monaten vorliegt, kann man sein Ansuchen nach China schicken, wobei wieder viele Dokumente erforderlich sind (Geburtsurkunden; Heiratsurkunde; Arbeitszeugnis inklusive Jahreslohn in ISK und USD; Einkommens- und Besitzerklärung (dazu muss man ein von CCAA zur Verfügung gestelltes etwas verwirrendes Formular ausfüllen);

Reise nach Nanning und Papiere

ärztliches Gesundheitszeugnis (ebenfalls ein Formular von CCAA); Unbescholtenheitszeugnis; Sozialbericht des Sozialamtes; Pflegschaftsbewilligung; dreifache Kopien der ersten Seiten unserer Pässe; Familienfotos; Bewerbungsschreiben als Adoptivwerber an CCAA). Alle diese Dokumente werden in englischer Sprache gesendet, müssen Originale oder beglaubigte Kopien sein und dürfen auf keinen Fall gefaltet oder zusammen geheftet werden. Sie müssen außerdem von Publicus Res gestempelt sein, was in Island eine kurze und einfache Sache ist.

Nach Fertigstellung lieferten wir die Dokumente bei Isadopt ab, die sich um den weiteren Beglaubigungsweg kümmerten. Auf jeden Fall kommen da noch viele Stempel drauf, bevor die Ansuchen in Gruppen nach China geschickt werden. CCAA will mindestens fünf Ansuchen auf einmal bekommen, die dann auch in dieser Gruppe abgefertigt werden. Adoptivwerber erhalten ein LID (= Log in Date). Damit ist das Datum gemeint, an dem die Dokumente von CCAA offiziell im System angenommen wurden. Von da an sind es im Moment etwa 7 Monate Wartezeit bis zum Kindervorschlag. CCAA lässt die Dokumente aus dem Englischen ins Chinesische übersetzen. Dann werden sie von einer anderen Stelle geprüft und frei gegeben. Im Anschluss kommt der Stapel in den so genannten "Matchingroom", wo das passende Kind für die jeweilige Familie ausgesucht wird. Es ist so, dass eine Gruppe immer in die gleiche Provinz reist, also in die gleiche Stadt.
Die Kinder kommen meist alle aus dem gleichen Heim bzw. manchmal aus verschiedenen Heimen in der gleichen Region.

Unsere Gruppe, also die Familien deren Papiere gleichzeitig nach China geschickt worden waren, bestand aus neun Paaren. Isadopt selbst initiiert keinen Kontakt bevor die Kindervorschläge nicht da sind. Aber ein Mitglied unserer Gruppe schickte via Isadopt an alle anderen Emails und so haben wir uns schon früher kennen gelernt. Etwa 6 Monate vor dem Kindervorschlag trafen wir uns zum ersten Mal, ab dann sehr regelmäßig, sodass wir uns vor der Reise schon gut kannten. Wir sind auch jetzt noch sehr gut vernetzt - Island ist klein und es ist Tradition, dass alle Kontakt halten.

Unseren Kindervorschlag haben wir am 22. März 2004 erhalten. Der Kindervorschlag besteht aus einem Foto, einem Gesundheitsbericht und einer allgemeinen Beschreibung des Kindes. Man muss dem Kindervorschlag schriftlich zustimmen und dieses Dokument wieder nach China schicken. CCAA stellt dann die sogenannte "Travel Approvals" aus, was bedeutet, dass eine Familie eben dieses Kind adoptieren und mit dem Kind ausreisen darf.
Ich habe alle unsere Erfahrungen während des Adoptionsprozesses in einem Tagebuch festgehalten. Hier sind die Auszüge aus der Zeit des Kindervorschlags:

Auszug aus dem Tagebuch
16. März 2005
Die ersten Adoptionsfamilien in den USA und Irland bekommen ihre Referrals. Jetzt kommen (in den Diskussionsforen im Internet; Anm. adoptionsberatung.at) fast stündlich mehr Nachrichten in der Art von "we proudly announce we have a daughter" rein. Ich kann mich nur schwer auf die Arbeit konzentrieren und bin freudig gespannt. Nun ist nur die Frage, ob CCAA auch unsere Infos schon losgeschickt hat - es dürfte doch einige Arbeit sein, über 1000 Referrals weltweit zu verschicken. Ich habe IÆ angerufen und bekomme die Auskunft, dass auch über die Osterfeiertage, die hier in Island auch den Gründonnerstag und den besonders heiligen Karfreitag beinhalten, an unseren Infos gearbeitet wird. Sobald IÆ sie ins Haus bekommt, werden alle Infos die ja auf
Chinesisch eintreffen (zumindest meistens) gescannt und via Email oder Fax nach China geschickt - unser Übersetzter ist gerade dort bei einer Freundin, arbeitet aber brav und intensiv an Übersetzungen weiter. Sobald er fertig ist (er weiß, dass er unsere Infos ASAP TOP URGENT bearbeiten muss) werden sie zurück geschickt und Gestur, der Kinderarzt
der seit 20 Jahren alle Adoptionskinder betreut, begutachtet alle Details und gibt sein Okay. Sowohl der Übersetzer als auch Gestur machen keine Osterferien. Mit etwas Glück bekommen wir unsere Infos ins Osterei! Meine Güte, ich bin wirklich nervös, letzte Nacht habe ich intensiv von unserer Tochter geträumt, mit Gesicht und allem. Zuerst war sie so ca. 1 Jahr alt, später im Traum etwas älter, vielleicht 2,5 - 3 Jahre alt. Na, bin gespannt wie sie in Wirklichkeit aussieht. Morgen Abend fahre ich nach Nordisland auf einen Lawinenkurs mit Sámur. Gut so, dann bin ich Freitag, Samstag und Sonntag wenigstens gut abgelenkt.

22. März 2004 - THE DAY!
Um 18:02 kam der lange erwartete Anruf und so darf ich endlich endlich unsere Tochter vorstellen:

Chinesischer Name: Fu Qing Xing (Fu ist der Familienname und Qing ein Mittelname, alle Kinder dieses Waisenhauses haben diese 2 Namen; Xing - sprich Sing - ist ihr Vorname)
Neuer Name: Anna Xing Götzinger Einarsdóttir (in Österreich ist Götzinger ihr Familienname)
Geboren: 10. Juni 2004 (geschätztes Datum)
Gefunden: 15. Juni 2004 vor dem Gesundheitszentrum der Stadt Yizhou
Derzeitiger Wohnort: Waisenhaus von Yizhou
Am "Auffindungstag" hatte sie 2,5kg und war 47cm groß. Sie war und ist gesund. Im November wurde sie wieder ärztlich untersucht, da hatte sie 5,4kg und war 58cm groß. Kopfgröße 39,5cm (was auch immer mir das sagt). Sie wird als ruhig und freundlich beschrieben, hört gerne Musik, hat rasche Reaktionen und wird als extrovertiert bezeichnet - was sich meiner Meinung nach mit ruhig schneidet. Na, mal schauen wie sie wirklich ist.

Wir haben heute gleich mal alle Unterlagen unterschrieben, dass wir sie adoptieren wollen. Die werden dann am Dienstag nach China geschickt (leider sind hier Donnerstag und Freitag hohe Feiertage und nicht alle Mitglieder unserer Gruppe sind in Reykjavik und müssen ihre Einverständniserklärungen per Post schicken). Dann dauert es ca. 4-5 Wochen, bis CCAA in China uns die Reisebewilligung für unsere Tochter schickt, vorher können wir nicht aus Island ausreisen. Voraussichtlich werden wir in der ersten oder zweiten Maiwoche nach Peking fliegen."
Im Falle Islands ist es so, dass Isadopt eine Tochterfirma von CCAA mit dem Namen BLAS ersucht, die Chinareise für die Adoptiveltern zu organisieren. Die Familien kümmern sich um den Flug nach China, aber ab der Ankunft in China liegt alles in der Hand von BLAS. Meistens gibt es einen einheitlichen Ablauf: Ankunft in Peking am Mittwoch. Donnerstag bis Samstag Besichtigungen in Peking, denn BLAS will, dass Adoptivwerber etwas über China lernen, bevor sie die Kinder bekommen. Am Sonntag Reise in die jeweilige Provinzhauptstadt nach einem meist drei bis vierstündigen Flug. Dort kann man eventuell schon am Sonntag, meist aber erst am Montag sein Kind kennen lernen. Der Ablauf der Übergabe hängt dabei von der jeweiligen Provinz ab. Manchmal sind die Kinder im Hotel und warten dort schon auf die Eltern. In unserem Falle war es am Montag und wir fuhren ins Büro für Zivilangelegenheiten, wo zuerst eine offizielle Rede gehalten wurde. Dann kamen die Kinder. Alles war sehr feierlich und offiziell.

Fünf weitere Wochentage sind in der Stadt notwendig, um die Adoption offiziell zu machen, d.h. 24 Stunden nach der Übergabe wird die Adoption bei einem Rechtsanwalt und dem Büro für Zivilangelegenheiten legalisiert. Ab diesem Zeitpunkt ist das Kind das offizielle Kind seiner neuen Eltern, wenn auch noch chinesische Staatsbürgerin. Um den chinesischen Pass
kümmert sich BLAS oder deren örtliche Vertretung. Am Wochenende reist die Familie zurück nach Peking und kann dort am Montag bei der Dänischen Botschaft um ein Schengenvisum für die Kinder ansuchen. Am darauf folgenden Tag bekommt die Familie das Visum und am Mittwoch, spätestens Donnerstag können sie das Land verlassen.

Wieder in Island werden alle Adoptionsdokumente an das Ministerium geschickt, das die Adoption anerkennt. Das Kind wird sofort isländischer Staatsbürger. Man muss hierfür nur zum Meldeamt, dort die Adoptionsdokumente herzeigen und alles ist fix. Es gibt nur ein Meldeamt für das ganze Land, sodass die Leute dort den Ablauf kennen und alle helfen und tun mit.

Die Reise war sehr seltsam, teilweise war es wie eine Pauschalreise mit starkem emotionalem Beigeschmack. Auch am Tag nach der Kinderübergabe gab es wieder (kurze)
Besichtigungen - wir gingen in einen Park - und in Peking erneut Halbtagesbesichtigungen mit den Kindern. Das ist eine zwiespältige Sache. Einerseits ist es für Eltern und Kinder recht anstrengend, man kennt sich ja gar nicht aus, hat keine Ahnung vom Rhythmus des Kindes und muss gleich mit ihm "reisen". Andererseits ist ohnehin alles so surreal, dass es schon fast keinen Unterschied macht. Ich bin auch über jede Sekunde, die wir von Nanning und der Provinz sehen konnten, sehr dankbar. Wir fuhren z.B. (mit Kindern) aus der Stadt hinaus in ein Bauerndorf, wo Leute wohnen, die wahrscheinlich aus der gleichen Minderheitengruppe wie unsere Töchter stammen. Es war eine sehr anstrengende und irre Fahrt. Aber ich will sie nicht missen. Die Armut, das Leben, die Häuser...so wohnte Anna Xings Mutter, das ist ihr Hintergrund.

Das Waisenhaus konnten wir leider nicht besuchen. Unsere Töchter stammen alle aus einem Waisenhaus in der Stadt Yizhou. Die Kinder wurden uns aber in der Provinzhauptstadt Nanning übergeben, das ist 200 km oder 4-5 Autostunden auf sehr schlechten Straßen entfernt.

Hopur

Rein reisetechnisch war also ein Besuch nur schwer möglich. Außerdem will der Kinderheimleiter keine Besuche, weil das wohl den Arbeitsablauf stört. Wir haben ein paar Fotos des Heimes, die etwa 2 Jahre alt sind und mit einer Einwegkamera gemacht wurden, die ein amerikanisches Paar hinschickte und dann gemeinsam mit dem Kind übergeben bekam. Diese Möglichkeit gibt es aber nicht mehr, denn CCAA verbietet allen Kontakt von Eltern mit Kinderheimen unter Androhung, dass die Agentur gesperrt wird.

Das Kennenlernen und die ersten Tage mit Anna Xing waren abenteuerlich, surreal, irr, und sehr aufregend. Am besten beschreibt das wieder mein Tagebuch:

09.05.05
Endlich. Den Vormittag verbrachten wir mit bürokratischem Papierkram, unterschrieben viele Dokumente und setzten unsere Fingerabdrücke daneben. Um die Wartezeit zu überbrücken fuhren Mama und ich in ein Shoppingzentrum. Dort sah ich auch wirklich ein nettes Kleid doch die Verkäuferin schaute mich nur an und meinte: "We don't have it in
your size" (* auch eine Methode, um Geld zu sparen). Dann ein kurzes Mittagessen und Zusammenpacken all jener Dinge, die man eventuell bei der ersten Begegnung brauchen könnte.
15:30 ist es so weit, wir fahren mit dem Bus zum "Office for Civil Affaires". Die Spannung steigt. Wir werden in den 4. Stock in einen offiziellen Raum gewiesen, neben dem Rednerpult hängen die Chinesische und die Isländischen Fahne. Im Nebenraum hören wir Kinder und etliche Gruppenmitglieder erspähen ihre Kinder, aber Einar und ich verkneifen uns dies, beide wohl um die Fassung zu bewahren. Eine Angestellte der Adoptionsbehörde hält eine kurze Rede und bereitet uns darauf vor, dass die Kinder "not ready for you" sind, also dass wir
für sie Fremde sind und sie sich dementsprechend benehmen werden. Dann werden der Reihe nach alle Kinder "verteilt". Unsere Fu Qing Xing ist die Erste! Welch ein aufregender Augenblick. Plötzlich kommt eine Nanny rein mit einem in Rosa gekleidetem Mädchen im Arm, welches tief schläft. Sie verschläft die Übergabe. Einar nimmt sie, ich bin viel zu aufgeregt dazu. Sie verschläft, dass die Nanny sich verabschiedet, ihre Eltern vollkommen aufgelöst sind, sie abwechselnd halten und tragen. Sie verschläft den ganzen Rummel um sie herum, all die anderen schreienden und weinenden Babys und aufgeregten Eltern.
Nach zirka 10 Minuten macht sie langsam die Augen auf. Sie ist in Einars Armen, ich stehe ganz dicht daneben. Sie schaut Einar ganz ruhig und durchdringend an, dann mich, dann wieder Einar, dann wieder mich und sie schaut und schaut. Ich trage sie in den Bus, sie schaut interessiert. Wir fahren zum Hotel und in unseren 9. Stock, wo von einem Fotografen ein erstes Familienfoto gemacht wird und unsere Anna Xing lacht fröhlich in die Kamera! Wir gehen in unser Zimmer, setzen sie aufs Bett und streuen Spielsachen vor ihr aus. Sie schaut, spielt vergnügt, lacht wenn wir sie anlachen und ist die nächsten eineinhalb Stunden ruhig, interessiert und fröhlich. Keine einzige Träne, nichts.
18:30 Treffen in der Rezeption und wir gehen in ein ganz nahe gelegenes Restaurant essen. Dort erwartet man uns mit Kindersitzen und "congee", so eine Art Milchreis mit Wasser statt Milch. Gut so, unsere Kleine wurde allmählich hungrig, denn sie schaut den congee ganz interessiert an und kann den ersten Bissen kaum erwarten. Freudig isst sie eine halbe Schale, dann reicht es ihr und sie will von Einar im Restaurant herum getragen werden. Als wir kurz vor 20:00 Uhr aufbrechen, ist sie schon eher müde, ich übernehme sie und sie schaut mich mit müden Augen an und ist ein paar Augenblicke später eingeschlafen.
Gegen 21:00 Uhr kommt eine chinesische Ärztin zum obligatorischen Gesundheitscheck und stellt fest, dass Anna Xing wohl etwas Kalzium fehlt, das ist leicht zu ändern. Ansonsten hat sie am Kopf eine auffallende Narbe, wohl weil sie aufgrund der schlechten Kinderheimbetten eine Entzündung hatte, die sie sich immer wieder aufkratzte. Aber die schwarzen Haare werden das wohl rasch überdecken. Ansonsten ist sie ein hübsches und vor allem gesundes Baby.
Wir nutzen die Gelegenheit und wickeln sie, was derzeit noch ein Zweimannunternehmen ist. Kein Windelausschlag, nur trockene Haut auf dem Rücken, wohl von der Hitze. Das Nachtgewand (Größe 9-12 Monate) wird ihr hoffentlich in ein paar Monaten passen, derzeit ist es eher sehr groß für sie, aber etwas anderes habe ich derzeit nicht. Nach dem
Wickeln gibt es Babymilch, die wir vom Kinderheim bekommen haben. Dadurch bleibt wenigstens ein Teil ihrer Nahrung für die nächsten Tage gewohnt in all der Umstellung. Danach schläft sie friedlich ein und liegt nun in ihrem Gitterbettchen auf dem Rücken und schläft friedlichst.
Ich gehe noch zu einem nahen Greißler Wasser kaufen und dann kaufe ich im Hotelshop schnell ein Kleidchen für sie, das ihr passt und nicht VIEL zu groß ist wie alles, was ich für sie derzeit habe. Ich weiß nicht, wie sie im Kinderheim gemessen wurde, aber in Größe 80 schwimmt sie, soviel ist sicher. Na, wir werden auch das noch hin kriegen. Mama geht es gut, sie hat heute fleißig gefilmt und es war toll sie an diesem aufregenden Tag bei uns zu haben. Einar und ich sind beide überglücklich, wir können es beide immer noch nicht fassen - wir haben eine Tochter, die obendrein noch das
hübscheste und süßeste Kind ist, das man sich vorstellen kann.10.05.05 Ein neues LebenDienstag 10. Mai - Anna Xing ist 11 Monate alt! Und wieder ein ereignisreicher Tag. Die erste Nacht gemeinsam ging sehr gut, Anna Xing schlief zwar zeitweise unruhig aber dennoch von zirka halb zehn bis um halb sechs, und das obwohl sie nun monatelang um 02:00 Uhr ein Flascherl bekam. Aber viel Schlaf bekamen die neu gebackenen Eltern dennoch nicht, wir waren dazu einfach viel zu aufgeregt. Anna Xing wachte fröhlich auf, bekam ein Fläschchen, war lustig und vergnügt, aß wenig zum Frühstück und verschlief die wichtige Zeremonie beim "Office for Civil Affairs", wo wir offiziell als ihre Eltern anerkannt wurden und dies auch schriftlich bestätigt haben. Wir bekamen vom Kinderheim noch ein paar Photos, die vor nicht zu langer Zeit von ihr
gemacht wurden und ein kleines Geschenk. Wir übergaben als Gruppe Kindergewand, Spielzeug und dann noch genug Geld, um 9 neue und gute Holzbetten für das Kinderheim zu kaufen. Das hatte das Kinderheim auf unsere Frage hin von uns gewünscht; damit werden die alten blauen Metallbetten, die wir auf Photos sahen, ausgetauscht.Dann ging es noch zum Notar, wo wir kurz ein paar Fragen beantworten mussten (sind wir verheiratet, wie viel verdienen wir, und zum x-ten mal, ob wir unsere Tochter auch wirklich adoptieren wollen und auch sicher nie misshandeln werden). Anna Xing lachte die Rechtsanwältin an und nach ein paar Minuten war auch diese Prozedur überstanden. Wir sind
damit vollkommen legal die "forever parents" unserer Anna Xing Götzinger Einarsdóttir.Wieder im Hotel hatten wir kurz die Chance, den Direktor des Kinderheimes, 2 Pflegerinnen und eine Krankenschwester zu treffen und ein paar Fragen zu stellen. Nicht viel Neues hier für uns, aber ich konnte Anna Xing die Gelegenheit geben, sich zu verabschieden, nachdem sie gestern bei der Übergabe ja geschlafen hat. Sie hat die Pflegerinnen lustig angelacht, die Krankenschwester und eine Pflegerin hat sie gehalten, dann bekamen wir sie wieder und sie hat weder geweint noch schien sie sonst traurig sondern nur zufrieden damit, bei uns zu
sein.Alle 4 haben wir uns dann einen Mittagsschlaf gegönnt, Einar und ich waren schon sehr erschöpft. Mama hat uns dann mit Torten aus der nahen Bäckerei verwöhnt! Gegen 4 Uhr sind wir dann zu einem Spaziergang aufgebrochen, haben Anna Xing in den Rucksack gepackt und los gings - raus aus dem Hotel und hinein in die sehr feuchte Hitze, sofort waren wir vier alle schweißgebadet. Wir gingen zu einem nahen sehr netten öffentlichen Park mit einem großen See in dem riesige Goldfische schwammen, ca. 30 - 40 cm lang. Mama ging nicht lange mit, es war ihr dann doch zu heiß. Wir 3 gingen eine Runde um den See und Anna Xing saß vollkommen glücklich in ihrem Rucksack und beobachtete die Welt um
sich herum. Dann bekam sie ihr erstes Fläschchen "unterwegs" und schlief dann erschöpft ein. Dadurch schlief sie während des Abendessens und Einar und ich waren wohl die einzigen Eltern in der Runde, die eine ruhige und ungestörte Mahlzeit einnehmen konnten - BRAVES Mädchen. Gegen Ende wachte sie auf, aß eine ganze Schale "congee" und seither ist sie wach. Zuerst haben wir sie mal mit einem Waschlappen gewaschen, eingecremt und seither spielt ein eher müder Einar mit ihr, während ich zusammen räume und nun schreibe. Es ist halb elf und langsam wird Madame doch müde, wir machen uns Hoffnungen auf eine durchschlafene Nacht."

Könntest Du etwas über die Kinder erzählen, die aus China zur Adoption kommen?

Die Kinder, die in unserer Gruppe adoptiert worden sind, sind so unterschiedlich, wie Kinder sein können. Alle Charaktere, alle Typen. Sie haben sich auch in der Entwicklung unterschieden. Anna Xing war motorisch am weitesten zurück, d.h. etwa einen Monat hinter den anderen, ansonsten aber total "auf zack".
Zum Zeitpunkt des Kindervorschlags sind die jüngsten Kinder 7 Monate alt, was eher selten vorkommt, die meistens so um 10 - 14 Monate. Beim Ansuchen nach China kann man einen Alterswunsch angeben und "as young as possible" heißt zwischen 0 und 18 Monaten. Manche Familien ersuchen um ältere Kinder, bekommen aber nicht immer ältere zugewiesen. 99,9% der adoptierten Kinder sind Mädchen, worauf ich noch zu sprechen kommen werde. Der Gesundheitszustand der Kinder ist sehr unterschiedlich, meist aber gut. In unserer Gruppe waren zwei Kinder krank mit Verkühlung.

In China herrscht immer noch die Ein-Kind-Politik. Nur auf dem Lande oder bei Minderheiten (davon gibt es viele) sind zwei Kinder erlaubt. Das wird sehr streng kontrolliert. Abtreibung bis zum Geburtstag ist möglich und erlaubt (solange das Kind noch mit der Nabelschnur verbunden ist, gilt eine Tötung als Abtreibung und wurde zumindest in den 70er und 80er Jahren vom Staat auch gegen Willen der Mutter durchgeführt). Aufgrund der fehlenden Altersversorgung vor allem der Landbevölkerung und der patriarchalischen Tradition, ziehen die Familien Buben vor. Wenn das erste Kind ein Mädchen ist, dann überlebt es vielleicht die Geburt, vielleicht nicht. Dann wird die Familie eventuell eine zweite Schwangerschaft riskieren, aber geheim. Die Frau muss nur in einem frühen Stadium der Schwangerschaft in eine andere Stadt "zu Verwandten...". Wird ein Bub geboren, werden
Strafen gerne hingenommen. Ist es ein Mädchen, dann überlebt es die Geburt nicht oder aber wird eben weggelegt. Die Strafen für unerlaubte Kinder sind sehr hoch, ein Mädchen ist das nicht wert. Man muss auch bedenken, dass in den ländlichen Gebieten die Armut wirklich sehr groß ist.
Es ist in China wie überall: mit sozialem Aufstieg und Wohlstand nimmt die Zahl der Kinder ab, also in Städten werden sicher weniger unerlaubte Kinder geboren....
Weglegung ist strafbar. Die Mädchen werden aber gerne an Stellen, wo sie sicher gefunden werden, weggelegt.

Das Leben im Waisenhaus ist unterschiedlich. Damit ein Waisenhaus Kinder zur Adoption ins Ausland schicken darf, muss es einen Standard erfüllen, den ich aber nicht genau kenne. Es gibt anscheinend ein Punktesystem nach dem gesagt wird, wer und wie viele Kinder...
Es gibt auch unterschiedliche Unterbringungsformen in den Waisenhäusern: manche Kinder sind die ganze Zeit im Waisenhaus (wie unsere Tochter) mit schichtweise wechselndem Personal. Andere Kinder sind untertags im Waisenhaus und gehen am Abend mit einer
Betreuungsperson nach Hause. Wieder andere Kinder sind solange voll im Waisenhaus, bis klar ist, dass sie adoptiert werden. Dann gehen sie zu einer Pflegefamilie bis zur Abholung.
Manche Kinder sind von Anfang an bei einer Pflegefamilie (die unter Aufsicht des Waisenhauses steht) und kommen ev. zu verschiedenen Programmen ins Waisenhaus.

Ob eine Gruppe von Adoptiveltern ein Waisenhaus besuchen darf, hängt vom Waisenhaus ab. Wir durften nicht, aber zwei andere isländische Gruppen haben das jeweilige Waisenhaus besucht. Das Waisenhaus von Gruppe 10 war arm, 9 Kinder kamen auf eine Betreuerin. Die Kinder waren zum Teil untertags im Bett angebunden. Das Waisenhaus von Gruppe 12 war groß und scheinbar sehr gut mit speziellen Förderungsprogrammen für die Kinder. Viele Kinder dort waren bei Pflegefamilien untergebracht und kamen zu Programmen ins Waisenhaus. Unser Waisenhaus (http://www.guangxifamilies.com/Yizhou/) hat noch vier andere Abteilungen, z.B. ein Seniorenheim. Wir trafen ja den Waisenhausdirektor, zwei Kinderpflegerinnen und eine Krankenschwester. Ich hatte das Gefühl, dass sie die Kinder sehr gerne mochten. Anna Xing war scheinbar mit einer Pflegerin sehr verbunden und hatte wohl besseren Kontakt zu ihr.
Es werden jährlich etwa 10.000 Kinder aus China in alle Welt adoptiert. Der Rest (viel mehr) bleiben in den Waisenhäusern, bekommt wohl Schulbildung und geht dann arbeiten. In zwanzig Jahren werden in China cirka 15 Millionen Männer keine Frauen bekommen ? ein riesiges Potential für Probleme, Gewalt und Aggression....

Wenn Du an China denkst, welche Eindrücke hat das Land hinterlassen?

China hat bei mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Es gibt irre Kontraste und Spannungen: Peking ist total modern, wie Europa, alles ist da und die Handys sind moderner als unsere. Dazwischen sieht man aber alte Leute mit Strohhut, neueste Autos und dann wieder Klapperfahrräder mit Anhänger.
Auch Nanning ist noch sehr modern, aber mit mehr Mischung und zwanzig Kilometer außerhalb Nannings herrscht tiefste Armut und Mittelalter. China wie man es sich vorstellt - und noch schlimmer. Ein sehr interessantes Land voller Kontraste mit SEHR netten Menschen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Mehr über die Adoption von Anna Xing hat Susanne Götzinger auf ihrer Homepage veröffentlicht:
www.ulfur.net
Anna Xing - Tagebuch einer Adoption: schildert den gesamten Ablauf der Adoption bis zur Abreise nach China
Anna Xing - Reisetagebuch China: schildert die Reise
Anna Xing ? Tagebuch: Anna schildert ihr Leben seit sie bei uns ist.



Das Gespräch führte Jutta Eigner.

Veröffentlichungsdatum: 07.10.2005
Endlich ist Anna Xing bei uns
Anna zu Hause


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