DIE ERSTEN MONATE MIT SWARA
Familie Nicole und Karl-Heinz Posch berichtet über die ersten Monate mit ihrer 4jährigen Adoptivtochter aus IndienAm 4. Dezember 2004 landeten mein Mann, Swara und ich am Flughafen in Wien-Schwechat, wo wir freudig von meinen Eltern und unseren beiden Söhnen (9 und 6 Jahre alt) empfangen wurden. "Wir haben es geschafft, sie ist endlich da", dachte ich nach einer anstrengenden und stressigen Woche in Indien. Der Gedanke war aber nur zur Hälfte richtig. Da war sie nun, unsere fast 4 Jahre alte Adoptivtochter aus Indien, aber geschafft hatten wir es noch lange nicht. Die folgenden Monate waren ganz anders und viel anstrengender als ich das jemals erwartet hätte.
Vorgeschichte
So lange ich denken kann hatte ich den Wunsch, einmal zu adoptieren. Schon als Kind beeindruckten mich die Spendenaufrufe auf den riesigen schwarz-weiß Plakaten mit hungernden Kinder aus der Dritten Welt. Als dann unsere Nachbarn einen Buben aus Rumänien und ein Mädchen aus Russland adoptierten und ich miterleben konnte, wie diese Kinder sich entwickelten, stand für mich fest, dass ich das auch einmal machen wollte.
Zum Glück konnte ich meinen Mann von meinem Wunsch überzeugen und so stürzten wir uns ins Abenteuer "Adoption", als unsere Buben 7 und 4 Jahre alt waren. Durch Zufall bekamen wir die Adresse eines seriösen und gut geführten Heimes in Bombay, Indien, an das wir im Mai 2003 unseren ersten Brief schrieben. Nach dem üblichen "Dokumente sammeln, übersetzen und beglaubigen lassen und schicken" folgten Monate des Wartens bis wir im Februar 2004 ein Foto und einen Bericht von Swara in den Händen hielten. Unsere Freude war riesig und die Zeit bis November, als wir endlich nach Bombay fliegen konnten um sie zu holen, schien endlos.
Das erste Treffen
Ende November 2004 war es endlich so weit. Unsere Buben in der guten Obhut meiner Eltern wissend, flogen mein Mann und ich nach Bombay um Swara kennen zu lernen und nach Hause zu bringen. Gleich am ersten Tag fuhren wir zum Heim, wir konnten es kaum erwarten sie endlich zu sehen und waren sehr aufgeregt. Zwei lange Stunden mussten wir im Empfangsraum des Heimes warten bis endlich die Sozialarbeiterin mit Swara an der Hand zu uns kam. Unsere Freude war groß, wich aber bald einer Hilflosigkeit, als die Sozialarbeiterin Swara schnappte, sie mir auf den Schoß setzte und meinte, sie gehe jetzt Tee kochen. Sobald sie außer Sichtweite war, fing Swara an zu weinen und beruhigte sich nicht mehr.
Da saß ich nun, mit einem weinenden Kind am Schoß, das sich durch nichts beruhigen ließ. Hätten wir die Wahl gehabt, so hätten wir uns Swara langsamer und vorsichtiger genähert, und sie nicht beim ersten Kennenlernen schon mit zu viel Körperkontakt verschreckt. Aber so war es nun einmal und alle Beruhigungsversuche unsererseits (Stofftier, Luftballon) wurden von Swara buchstäblich weggestoßen. Dieses erste Treffen war bezeichnend für die folgenden. Jedes Mal wenn wir ins Heim kamen hat Swara geheult und sich erst wieder beruhigt, wenn ihre Freundinnen auch zu uns kamen. Wir spielten dann stundenlang mit den Kindern und auch Swara taute auf, aber am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze.
Während wir Verständnis für ihre Angst und Ablehnung hatten (wie würden wir uns fühlen, wenn wir auf einmal täglich Besuch von Marsmännchen bekämen?), ertappten wir uns dabei, dass wir auf einmal Bedenken hatten ob es denn richtig ist, was wir hier tun. Natürlich siegte unser Verstand, aber wir hätten uns gerne wohler gefühlt, speziell da der Tag der Abreise nahte. Um es kurz zu machen, ? Swara ging nicht freiwillig mit. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen und markerschütterndem Geschrei, als mein Mann sie aufhob und rasch zum Taxi trug. Es dauerte eine ganze Weile bis sie aufhörte zu weinen. Den ganzen Heimflug über aß und trank sie nichts, schlief nur kurz und wackelte meist die ganze Zeit vor und zurück um sich zu beruhigen.
Die ersten Wochen zu Hause
Vom Zeitpunkt des Heimfluges an lebten Swara und ich die ersten Wochen fast wie siamesische Zwillinge. Sie war immer unmittelbar neben mir und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Wenn ich vom Sofa aufstand, sprang sie auch sofort auf um mir nachzulaufen. Ging ich in die Dusche, stand sie im Badezimmer und vergewisserte sich ob ich noch da war, indem sie alle paar Sekunden den Duschvorhang zurückzog. Sie lief mir überall hin nach, auf jedes "Örtchen." Ja, auch da stand sie neben mir, sah mich an und wackelte von einem Bein aufs andere. Ich wusste natürlich, dass Swara in dieser völlig neuen Welt nicht auch noch ihre Bezugsperson verlieren wollte, aber es war sehr anstrengend, von einem Tag auf den anderen plötzlich immer jemanden um sich zu haben, der einen ständig beobachtet.
Nach ungefähr 3?4 Wochen konnte ich in ein anderes Zimmer gehen ohne dass Swara mir gleich nachlief. Sie kam aber alle paar Minuten um nachzusehen, ob ich noch da bin. Und auch heute, nach 9 Monaten, sucht sie mich im ganzen Haus wenn sie mich gerade nicht hört oder sieht.
Das Umfeld
Da alle unsere Freunde und Verwandte von unseren Adoptionsabsichten wussten, warteten sie natürlich auch schon darauf, Swara zu sehen und kennen zu lernen. Es war uns klar, dass ein dunkelhäutiges Kind einiges Aufsehen erregen würde, aber dass es so extrem sein würde, wussten wir nicht.
Es brach eine richtige "Swara-Hysterie" aus. Überall wo wir auftauchten wurden Fotoapparate gezückt und Swara wurde fotografiert. Verwandte, die von unseren Buben noch nie ein Foto gemacht hatten, fotografierten Swara am Sofa, Swara am Schaukelpferd, Swara beim Essen, Swara beim Spielen. Nachbarn, die wir kaum kennen, standen plötzlich vor unserer Haustüre und wollten sich erkundigen, wie es uns geht (und ganz nebenbei einen Blick auf das dunkle Kind erhaschen). Wenn wir als Familie irgendwo hingingen, wurde als Erstes und am lautesten Swara begrüßt, auf unsere Buben wurde oft vergessen.
Einkaufen gehen glich einem Spießrutenlauf, ständig wurde Swara über den Kopf gestreichelt und angesprochen. Ich werde nie vergessen als Swara im Einkaufswagen saß und auf einmal ein Mann vor uns stand und schrie: "Mein Gott, bist du aber ein schönes Kind, bist du ein schönes Kind!" Da waren mir die leisen Bemerkungen und das Flüstern ("Hast du die Kleine gesehen? Ist die nicht süß?") schon lieber, wobei einem die mit der Zeit auch ordentlich auf die Nerven gehen.
Es ist auch erstaunlich, dass viele Leute denken sie hätten ein Mitspracherecht wenn es um die Erziehung eines dunkelhäutigen Kindes geht. Wenn ich Swara darauf hinweise, dass es "Guten Tag" heißt und nicht "Hallo", wenn man in ein Geschäft geht, dann gibt es sofort jemanden der widerspricht und meint: "Sie darf aber auch ,Hallo? sagen." Natürlich meint das niemand böse, aber man wünscht sich für sein Kind (und auch für sich selber), dass es normal aufwachsen kann ohne ständig angegriffen und angestarrt zu werden. Mit der Zeit habe ich nun gelernt, solche "Übergriffe" höflich, aber bestimmt abzuweisen und Swara, die sich am Anfang über die Aufmerksamkeit gefreut hat, macht jetzt, wo sie den Unterschied zwi-schen Familie und Fremden besser kennt auch deutlich, dass sie das nicht möchte.
Hospitalismus
Swara war fast 4 Jahre in dem Heim in Bombay und obwohl das Heim sehr gut geführt wird, hat niemand Zeit für so viele Kinder. So war sie meistens mit 20?30 anderen Kindern ihres Alters in einem Raum und hatte auch einige typische Verhaltensmuster. Wie eingangs schon erwähnt wackelte sie im Sitzen entweder von einer Seite zur anderen oder vor und zurück. Wann immer sie das machte, boten wir ihr eine andere Form der Entspannung an: Musik. Sie hat ein kleines Kinderpiano das verschiedenste Kinderlieder spielt und schon bald zog sie es vor, mit dem Piano zu spielen und das Wackeln hörte auf.
Aufgrund dieser Angewohnheit hat sie eine Zahnfehlstellung und es war notwendig, dass sie damit aufhört bevor die zweiten Zähne kommen. Das Verhalten untertags abzugewöhnen war nicht allzu schwierig, aber es kostete mich viele Nächte bis sie auch im Schlaf damit aufgehört
hatte.
Wie das Heimleben sonst noch prägt
Swara war mit ihren fast 4 Jahren schon sehr selbstständig als sie zu uns kam. Sie konnte sich selber an und ausziehen und wollte viele Dinge selber machen, was wir auch unterstützen. Was uns noch etwas zu schaffen macht ist, dass sie sehr stur ist. Geprägt durch den Überlebenskampf im Heim, wo sie sich gegen viele andere Kinder durchsetzen musste, hat sie einen eisernen Willen und eine Ausdauer, die uns verblüffen. Wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht, dann trommelt sie mit den Fäusten und mit den Fersen gleichzeitig auf den Boden oder sie schlägt mit dem Kopf immer wieder gegen die Tür oder die Wand. Letzteres passiert zum Glück nur mehr selten, was uns hoffen lässt, dass auch die Wutausbrüche bald weniger werden. Sie hat aber ungefähr 6 Monate lang gebraucht, bis sie akzeptiert hat, dass sie nicht alles machen kann, was sie möchte.
Im Heim konnte sie viele Dinge heimlich machen und es waren genug andere Kinder da, denen man eventuell die Schuld zuschieben konnte (wenn etwas kaputt gemacht wurde, zum Beispiel). Sie hat jetzt ein großes Problem bei der Wahrheit zu bleiben, auch wenn es um ganz offensichtliche Dinge
geht.
Eine weitere Angewohnheit die wir ihr relativ rasch abgewöhnen konnten war, dass sie den ganzen Tag über durch den Mund atmete und ihre Zunge dabei auf ihrer Unterlippe lag. Wir machten sie immer wieder darauf aufmerksam und nach einigen Wochen atmete sie durch die Nase und hatte den Mund geschlossen.
Weitaus schwieriger war es, ihr das Zungennuckeln abzugewöhnen. Dabei hielt sie sich ihren Arm vor das Gesicht um an ihrer Haut zu riechen, stülpte die Unterlippe nach unten und bewegte die Zunge in saugender Bewegung. Das machte sie wann immer sie sich hinsetzte, wenn sie müde war, zum Einschlafen in der Nacht.
"Eine von vielen" gewesen zu sein ist sicherlich auch der Hauptgrund, warum sie alles daran setzt, jetzt immer im Mittelpunkt zu stehen. Egal was ihre Brüder machen oder erzählen, ständig sagt sie:
"Swara auch", auch wenn es mit ihr gar nichts zu tun hat. Wenn jemand mit mir spricht und sie gerade nicht beachtet, stellt sie sich direkt vor mich, damit die Person sie auch sieht, und unterbricht unermüdlich jedes Gespräch.
Vom Verhalten her glaubt man oft, einen Teenager vor sich zu haben, und nicht ein Kind mit 4 Jahren. Das ist es, worin ich mich am meisten getäuscht habe. Ich dachte immer, selbst wenn wir ein älteres Kind aus einem Heim adoptieren, wird es in seiner Entwicklung sehr zurück sein. In Wahrheit aber ist sie ihrem Alter um Jahre voraus wenn es darum geht, etwas heimlich zu machen, den Schwächeren zu zermürben oder um jeden Preis aufzufallen.
Ernährung und Verdauung
Hier sind wir bei Swaras Lieblingsthema ? das Essen. Auch nach 9 Monaten des "vollen Tellers und vollen Bauches" ist es ihr sehr wichtig. Wenn sie etwas Neues sieht, sei es Spielzeug, Steine, Baumrinde, Gras, egal was, ihre erste Frage ist immer: "Kann man essen?" Und schon im Heim
sagte man uns, dass Swara dort glücklich sein wird, wo sie gutes Essen bekommt. Bestimmt ist sie im Heim oft nicht satt geworden, denn als sie zu uns kam wog sie mit fast 4 Jahren nur 12 Kilo und sah sehr dünn aus.
Ihre Lieblingsspeisen sind Marmeladebrot, Torten und Eis. Diese Dinge isst sie so schnell, dass man sie immer auffordern muss langsam zu essen, zu kauen und es zu genießen. Weitaus mehr Zeit beim Essen braucht sie, wenn es Salat, Obst oder Gemüse gibt. Aber mittlerweile hat sie akzeptiert, dass wir uns auch gesund ernähren und nicht nur von Marmeladebrot und dergleichen leben.
Was ich nach wie vor beachten muss ist, dass ich Swara keine zu großen Portionen gebe. Selber weiß sie noch nicht, wann sie aufhören sollte zu essen. Wenn sie bestimmen kann wie viel sie essen möchte, hört sie selbst dann noch nicht auf wenn sie schon große Bauchschmerzen hat. Ihr Magen und Darm sind keine großen Mengen gewöhnt und wenn sie einmal zu viel isst, bekommt sie gleich nach dem Essen Durchfall. Daher ist es besser, wenn sie über den Tag verteilt mehrere kleine Mahlzeiten zu sich nimmt.
Sprache
Während der ersten 3?4 Wochen nach ihrer Ankunft bei uns sprach Swara den ganzen Tag Marathi, eine der vielen Sprachen Indiens. Da wir diese Sprache nicht beherrschen blieb uns nichts anderes übrig als einfach Deutsch mit ihr zu sprechen. Bald merkte sie, dass niemand ihre Sprache versteht und sie hörte auf, sie zu sprechen. Die wichtigsten Worte (Essen, Trinken) eignete sie sich relativ schnell an, aber wir merkten auch bald, dass sie sofort auf stur schaltet, sobald man ihr bewusst etwas beibringen möchte.
So versuchten wir zum Beispiel monatelang, sie die Farben rot, gelb, grün und blau zu lehren. Natürlich nicht alle auf einmal, sondern eine nach der Anderen. Tagelang zeigte ich ihr immer wieder Dinge, die rot sind: "Schau Swara, ein rotes Auto. Und da, ein roter Ball. Das ist rot." Sie sagte dann ab und zu, "Da auch rot," und zeigte auf andere rote Dinge. So wussten wir wenigstens, dass sie nicht farbenblind ist, denn Minuten später hatte sie das Wort für "rot" wieder vergessen. Und so passierte es immer wieder und egal mit welcher Farbe. Die einzige Farbe die sie bis jetzt kennt ist gelb und die konnte sie sofort. Wenn ich geahnt hätte, wie anstrengend und frustrierend (für beide Seiten) das Ganze sein würde, hätte ich es nie gemacht. Momentan habe ich resigniert und hoffe einfach, dass sie es im Kindergarten mit den anderen Kindern spielerisch lernen wird.
Das Problem mit der Sprache ist das Größte für uns (und sicherlich auch Swara). Natürlich kann man sich durch Zeichensprache und Mimik verständigen, aber das ist nur sehr limitiert möglich. Wie heißt es noch so schön: "Durch?s Reden kommen die Leute zusammen." Es ist sehr schwierig wenn man rund um die Uhr mit jemandem zusammen ist, sich um ihn kümmert und sich gerne austauschen möchte. Das ist bis jetzt nicht möglich.
Nachwort
Swara ist jetzt 9 Monate bei uns und bis auf ihre Grundbedürfnisse sagt sie nichts oder kann sie nichts sagen. Ich weiß nicht, was sie denkt oder was in ihr vorgeht, darum ist sie mir noch immer ein bisschen fremd und ich habe noch nicht das Gefühl, dass wir es "geschafft" haben. Allerdings ist das nur eine Frage der Zeit und wir sind zuversichtlich, dass wir weiterhin mehr und mehr zusammenwachsen werden.
Familie Nicole und Karl-Heinz Posch


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