BULGARIEN (2006)

Über die Adoption ihrer zweieinhalbjährigen Tochter Lena aus Bulgarien im Sommer 2006 berichtet Familie K. aus Niederösterreich

Bitte beachten Sie, dass alle „Länderberichte“ die Adoptionsmöglichkeiten zum Zeitpunkt des Interviews wiedergeben und sich die Gegebenheiten in den Herkunftsländern immer wieder verändern. Wir können daher nicht garantieren, ob Adoptionen unter den beschriebenen Bedingungen zurzeit möglich sind. (red.)

Wie kam es, dass Sie Bulgarien als Adoptionsland in Erwägung gezogen habt und warum haben Sie sich letztlich dafür entschieden?

Ursprünglich hatten wir die Idee, aus der Slowakei zu adoptieren. Das stellte sich aber als unmöglich heraus, weil es damals noch keine Zusammenarbeit zwischen den niederösterreichischen und den slowakischen Behörden gab. Aus diesem Grund orientierten wir uns weiter und erfuhren, dass der Wiener Verein "Eltern für Kinder Österreich" (EFKÖ) Adoptionen aus Bulgarien unterstützt. EFKÖ hatte viel Erfahrung mit Adoptionen aus Rumänien und hatte sich nach dem dortigen Adoptionsstopp mit Bulgarien als Adoptionsland auseinander gesetzt. Der Verein schilderte uns das Programm sehr überzeugend. Sie hatten eine Kooperation mit einer seriösen bulgarischen Rechtsanwältin. Im November 2004 kam diese anlässlich eines Bulgarien-Abends nach Wien, wo viele Bewerberpaare zusammen trafen. Alles verlief sehr angenehm. Dann tauchte allerdings ein Problem auf. Zwei Monate nachdem wir unsere Dokumente erledigt hatten und in Bulgarien registriert waren, stellte sich heraus, dass Bulgarien wegen der Verhandlungen zum EU-Beitritt seine Auslandsadoptionen ausgesetzt hatte.

Lena

Das Justizministerium war der Meinung, dass die EU Auslandsadoptionen nicht so gerne sieht und wollte die Verhandlungen nicht gefährden. Aus diesem Grund entschieden wir uns erneut für die Slowakei und bewarben uns dort. Unsere Papiere beließen wir aber trotzdem im Justizministerium in Bulgarien. Heuer im Frühjahr erhielten wir einen Anruf, dass wir demnächst mit einem Kindervorschlag aus der Slowakei rechnen können. Noch zuvor kam dann aber ganz unerwartet der Kindervorschlag aus Bulgarien. Damit hatte niemand mehr gerechnet!

Wie genau läuft eine Adoption aus Bulgarien ab?

Innerhalb von drei Monaten ab Eintreffen des Kindervorschlags in Österreich muss man sich entscheiden, ob man diesen vorübergehend annimmt. Wir gaben dem EFKÖ unsere vorläufige Zustimmung bekannt, die von unserer zentralen Behörde in Niederösterreich an die zuständige Behörde in Bulgarien weiter geleitet wurde. Danach mussten wir für eine Woche nach Bulgarien reisen, um das Kind persönlich kennen zu lernen. Um den Prozess zu beschleunigen, haben wir schon im Land am letzten Tag dem Kindervorschlag notariell beglaubigt zugestimmt.

Von da an dauerte es noch zwei Monate, bis das Justizministerium die noch anstehenden Arbeiten abgewickelt hatte. In Bulgarien muss man mit 6-8 Wochen rechnen, bis ein Gerichtstermin stattfindet, wo uns unsere Rechtsanwältin mit unserer Vollmacht vertreten konnte. Danach dauerte es nochmals 2-3 Wochen bis die Papiere unserer Tochter für die Ausreise fertig waren. Das alles erledigte die Rechtsanwältin für uns: sie kümmerte sich um den Reisepass, die Geburtsurkunde und den übersetzten und beglaubigten Gerichtsbeschluss. Im August 2006 konnten wir dann nach Bulgarien reisen und Lena zu uns nehmen.

Nach wie vor gibt es kaum Kindervorschläge aus Bulgarien. Warum es bei uns geklappt hat, hat wohl damit zu tun, dass unser Kind eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hat und die meisten Bewerber sich ein völlig gesundes Kind wünschen. Wir mussten im Zuge der Bewerbung eine Liste erstellen, welche Krankheiten oder speziellen Bedürfnisse wir uns vorstellen können. Das war nicht leicht, denn wir sind keine Ärzte und der medizinische Bereich ist auch der einzige, den wir im Laufe der Adoption als nicht optimal empfunden haben. Die Betreuung vor der Adoption und im Land war hingegen perfekt.

Unser Dossier über das Kind hatte insgesamt ca. 10 Seiten. Hier stand viel über Lenas Entwicklung und es fanden sich auch Grundinformationen über ihre leibliche Familie. Das ärztliche Attest war hingegen sehr kurz gehalten und es gab auch keine Möglichkeit zu überprüfen, wie vollständig es war. Als der Verein das Dossier erhielt, bestand wegen bestimmter Gesichtsmerkmale unserer Tochter der Verdacht auf "fetales Alkoholsyndrom" (FAS). Das Dossier wurde daraufhin von der EFKÖ-Ärztin überprüft, bevor es an uns weiter geleitet wurde. Die Ärztin konzentrierte sich ebenfalls vorrangig auf den FAS-Verdacht und konnte diesen aufgrund der beschriebenen Entwicklung des Mädchens eher ausschließen. Dabei wurden aber andere Punkte im Attest außer Acht gelassen. Es gab keinen Hepatitis C-Test, obwohl es hierfür in Bulgarien ein erhöhtes Risiko gibt.

Waisenhaus von Außen

Bei einem Bluttest im AKH, den wir vor kurzem anlässlich Lenas erster Gaumenspaltenoperation machten, wurden dann tatsächlich Hepatitis-C-Antikörper nachgewiesen. Das war ein Schrecken, der uns noch heute in den Knochen sitzt. Wir hatten die Gaumenspalte bewusst akzeptiert, aber zusätzlich Hepatitis C hätte unsere Grenzen überschritten. Bei der zweiten Überprüfung stellte sich glücklicherweise heraus, dass Lena nicht an Hepatitis C erkrankt ist und die Antikörper offensichtlich von ihrer Mutter stammen. Dieser Schock hätte uns mit einem vollständigen ärztlichen Attest erspart bleiben können.

Als wir Lena zum ersten Mal sahen, mussten wir eine Woche im Land verbringen. Diese Woche ist verpflichtend für alle Adoptivwerber. Man kann das Kind täglich im Kinderheim besuchen. Nur für den Arztbesuch durften wir das Heim mit einer Genehmigung der Heimleiterin verlassen. Wir mussten uns auch an die Schlafenszeiten halten und verbrachten vormittags und nachmittags jeweils zwei, drei Stunden im Heim. Glücklicherweise hatten wir schönes Wetter und waren die meiste Zeit im Garten. Am Anfang war es schon ein Schock, das Heim zu sehen, obwohl es sicher in einem guten Zustand ist. Hier leben 140 Kinder, die in verschiedene Gruppen unterteilt sind. Es gibt eine Babygruppe, eine Gruppe für Kinder von 1,5 bis 3 Jahren und eine weitere für Kinder von 3 bis 5 Jahren. Die Kinder werden nach dem Alter in neue Gruppen verschoben, wobei dann auch die Betreuer wechseln.
Das Heim war nett hergerichtet und man hat versucht, es kindgerecht zu gestalten. An die Wände wurden Märchenbilder gemalt. Erschüttert hat uns, dass es Kinder gab, die in einzelnen kleinen Räumen abgetrennt waren, vielleicht wegen einer Erkrankung. Es gab auch größere Räume, wo fünf Kinder ein Zimmer teilten. Die meisten waren in ihren Gitterbetten, wo sie standen und sich hin- und her hutschten. Manche hatten es geschafft, aus den Betten zu klettern und hutschten am Boden weiter. Viel an die frische Luft kamen die Kinder glaube ich nicht, jedenfalls nicht diese Gruppe. Die Größeren habe ich öfter im Garten gesehen.

Die Direktorin selbst war sehr nett und hilfsbereit. Bei unserem ersten Besuch war auch eine Psychologin dabei, die eine Bekannte unserer Rechtsanwältin war. Die Psychologin beobachtete Lena fünf Minuten und las sich das Dossier durch. Dann meinte sie, es wäre ohnehin alles mehr als in Ordnung und es gebe keinen Grund zur Sorge. Ähnlich ist es auch im Heim. Hier gibt es eine Ärztin und ein paar Schwestern und wenn man ihnen Fragen stellt, dann ist alles perfekt: das Kind sei mehr als gesund und es habe überhaupt nie Probleme gegeben? Man will die Kinder als super hinstellen, was für die werdenden Eltern nicht gerade hilfreich ist.

Kinder im Waisenhaus

Ich rate daher allen, skeptisch zu bleiben und vor allem das ärztliche Attest auf Vollständigkeit zu prüfen.

Der erste Tag, an dem wir Lena im Zimmer der Direktorin "vorgeführt" bekamen, war sehr sonderbar. Lena nahm keinerlei Blickkontakt auf, beschäftigte sich nur mit sich selbst und blieb in ihrer eigenen Welt. Sie reagierte weder auf ihren Namen, noch auf das Stofftier, das wir ihr mitgebracht hatten. Das beunruhigte uns natürlich, weil der FAS-Verdacht noch immer nicht ganz ausgeräumt war. Ihr Verhalten war aber wohl eher eine Folge der Heimunterbringung. Am zweiten Tag waren wir mit Lena im Garten. Sie reagierte kaum, schrie viel und hatte Zornanfälle. Ab dem dritten Tag wurde es aber immer besser. Sie reagierte plötzlich auf ihren Namen, wir konnten mit ihr spielen und sie begann auch, zu lachen. Wenn man ein Kind dann zum ersten Mal richtig lachen hört, ändert sich alles? Auf einmal wusste ich, es passt und es dürfte alles soweit in Ordnung sein.

Bei unserer zweiten Reise nach dem Gerichtstermin durften wir unsere Tochter gleich nach der Ankunft zu uns holen. Die Angst, die wir vorher hatten, legte sich, sobald Lena bei uns war. Lena erkannte uns glaube ich wieder. Sie war ja nie aus dem Kinderheim gekommen und lernte mit uns die Welt kennen? Das war Grund genug, bereitwillig mitzukommen. Es gab kein Weinkonzert, sie hat sofort gegessen, brav geschlafen und nicht einmal der Flug nach Hause war ein Problem. Die erste Woche blieb ganz ruhig. In der zweiten Woche schlief und träumte sie schlecht. Sie wachte immer wieder auf und weinte, aber ich fand kein Mittel, sie zu beruhigen. Ich denke, ihr wurde langsam bewusst, was mit ihr passiert war und möglicherweise vermisste sie auch die anderen Kinder und ihre vertraute Umgebung. Nach einer weiteren Woche ging es aber wieder aufwärts und seitdem macht sie laufend Fortschritte.

Bald leiteten wir die Untersuchungen wegen der ersten Operation der Gaumenspalte ein. Wir zogen auch einen Entwicklungspsychologen zu, der sie vom Entwicklungsstand beurteilt hat. Seiner Meinung nach hat sie in gewissen Bereichen natürlich Defizite, aber motorisch ist sie beispielsweise ganz am Stand einer Zweieinhalbjährigen. Was ihr fehlt ist, dass sie im Heim kein Spielangebot hatte und dass ihr niemand etwas gezeigt hat. Sie kannte am Anfang beispielsweise keine Sandkiste und wusste auch nicht, was sie mit Spielzeug anfangen soll. So hat sie alles wie ein Baby in den Mund genommen und auf diese Weise kennen gelernt. Nach zwei bis drei Wochen begann sie, Spielzeug "richtig" einzusetzen. Im Zwei-Wochen-Takt kamen immer wieder neuen Entwicklungsschritte gerade was das Spielerische anbelangt. Ein Bereich, in dem die meisten Heimkinder einen Rückstand haben, ist die so genannte "Tiefenwahrnehmung". Das Gedrückt-Werden fehlt den Kindern. Lena bekam auch zu Hause immer wieder arge Zornanfälle, die glücklicherweise immer seltener wurden.

Im Waisenhaus

Sie warf sich dabei auf den Boden und schlug mit dem Kopf immer wieder so stark auf, dass sie Beulen bekam. Sie scheint das aber gar nicht zu spüren. Wir haben jetzt eine Frühförderung, die zu uns ins Haus kommt und beginnen spielerisch daran zu arbeiten. Außerdem braucht Lena eine Logopädin wegen der Sprachentwicklung. Wir hatten gerade eben die erste Operation, bei der der weiche Gaumen operiert wurde. Der ist nötig, damit man zu lautieren beginnt ("dada"). Als nächsten Schritt bekommt sie eine Gaumenplatte. Das ist fürs erste nur eine Kunststoffplatte, die mit Haftcreme hinein geklebt wird. Mit drei bis dreieinhalb Jahren wird dann ein Implantat eingesetzt, d.h. es wird etwas vom Beckenknochen entnommen und der harte Teil des Kiefers geformt. Dieser wird implantiert und kann mit dem Gebiss mitwachsen. Das ist also ein einmaliger Eingriff und damit ist funktionell alles da, damit Lena sprechen und richtig essen lernt. Das muss man sich aber alles mit einem Logopäden aneignen, sogar das Beißen.
Die Frage ist, wie deutlich sie sprechen wird. Aber wenn sie einmal startet und die ersten Wörter sagen kann bzw. sich selbst ausdrücken kann, dann wird sie das auch in allen anderen Entwicklungsbereichen weiter bringen. Betrachtet man die großen Schritte, die sie jede Woche bei uns macht, so ist sie ein ganz intelligentes Mädchen?!

Können Sie etwas über die Kinder erzählen, die aus Bulgarien zur Adoption kommen?

Die Mehrzahl der Kinder sind Roma-Kinder. Auf der einen Seite sind die Gründe für die Abgabe wirtschaftlicher Natur. Die Mütter bzw. Familien sind einfach zu arm, um viele Kinder aufzuziehen. Die meisten Kinder in den Heimen sind aber Pflegekinder und können nicht adoptiert werden. Wir haben im Heim selbst einen Besuchstag erlebt, an dem viele Eltern ihre Kinder besuchten. Wir haben auch ganz junge Mütter mit 16, 17 Jahren gesehen, die es allein wohl nicht schaffen würden und der Meinung sind, dass es ihrem Kind im Heim besser geht als zu Hause.
Kinder, die zur Adoption freigegeben sind müssen zuerst einmal für eine gewisse Zeit im Inland "angeboten" werden und erst wenn nach einem Jahr keine Inlandsadoption zustande gekommen ist, kann ein Kind für eine Auslandsadoption vorgeschlagen werden.

Wenn Sie an Bulgarien denken, welche Eindrücke hat das Land bei Ihnen hinterlassen?

Den stärksten Eindruck haben die Menschen hinterlassen, die sehr nett und extrem gastfreundlich sind. Eines Abends wurden wir mitten auf der Straße von einer älteren Dame nach Hause eingeladen, was in Österreich sicher nie passieren würde. Vor allem die ältere Generation hat einen sehr guten Bezug zu Österreich und spricht auch oftmals deutsch.
Wir hatten den Eindruck, dass die Bulgaren noch eine starke Verbindung zu Russland haben. Man sieht die Russen quasi als Retter. Das ist von der Geschichte her so geprägt.
Wirtschaftlich gesehen ist Bulgarien im Aufbruch. Wir waren nur in Sofia, das schon recht modern ist, auch wenn es außerhalb des Zentrums noch immer postsozialistische Architektur gibt. Es gibt in Sofia ein paar große Einkaufszentren, aber es kann natürlich nicht jeder mitziehen. Man sieht, dass die ältere Generation damit große Probleme hat und hier auch auf der Strecke bleibt. Die Jungen schätzen das hingegen. In Bulgarien gibt es glaube ich auch ein gutes Bildungswesen. Viele junge Bulgaren sind sehr gebildet.

Welche Ansprechstellen und Links würden Sie Leuten empfehlen, die sich über Bulgarien und eine Adoption aus Bulgarien schlau machen wollen?

An erster Stelle würde ich empfehlen, mit dem Verein "Eltern für Kinder" (www.efk.at) in Wien Kontakt aufzunehmen. Darüber hinaus gibt es in Österreich eigentlich keine Anlaufstelle und auch im Netz gibt es nur wenige Informationen über Bulgarien-Adoptionen. Das mag damit zusammen hängen, dass es in den letzten Jahren kaum Adoptionen gegeben hat.

Unsere Rechtsanwältin hat uns erzählt, dass Korruption in Bulgarien trotz EU immer noch eine große Rolle spielt und es Vereine gibt, die im Jahr 4-8 Kindervorschläge bekommen, während sie als seriöse Agentur gerade einen oder zwei bekommt. Es gibt auch Länder, die von bulgarischer Seite überhaupt gesperrt wurden, weil die Post-Placement-Berichte nicht eingetroffen sind. Das ist dann eher eine Glücksache, wenn mehr Kindervorschläge für Österreich oder Deutschland zur Verfügung stehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!



Das Gespräch führte Jutta Eigner.

Veröffentlichungsdatum: 06.12.2006


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