Woher komme ich und wem gleiche ich?

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Birgit Lattschar, Irmela Wiemann: Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte
Grundlagen und Praxis der Biografiearbeit
Basistexte Erziehungshilfen
Juventa Verlag, Weinheim und München 2007

 

 

Im letzten Jahr erschien ein 240 Seiten starkes Buch, das sich mit einer im deutschsprachigen Raum immer weiter verbreiteten Möglichkeit beschäftigt, mit Kindern ihre Geschichte zu bearbeiten: der Biografiearbeit.
Biografiearbeit ist immer dann interessant, wenn Kinder und Jugendliche eine nicht ganz einfache Geschichte mitbringen und wird oft (aber nicht nur) eingesetzt, wenn diese von ihren Eltern oder Elternteilen getrennt leben. Von Seiten der Kinder kann es diesbezüglich viele - nicht immer ausgesprochene - Fragen geben. "Wer bin ich? Woher komme ich? Wem gleiche ich? Wer ist meine leibliche Familie? Warum musste ich fort? Warum lebe ich hier? Was wird aus mir?" sind einige davon. Biografiearbeit kann in diesem Fall einen wichtigen Beitrag leisten, die eigene Geschichte und aktuelle Lebenssituation besser zu verstehen. Auch wenn sie keinen Ersatz für eine Therapie darstellt, so kann sie jedenfalls helfen, Fragen für das Kind zu klären und wieder mehr Energie für andere Entwicklungsaufgaben frei werden zu lassen.

Sehr oft arbeiten Pflege- und Adoptiveltern mit ihren Kindern biografisch, ohne es so zu nennen: Familienalben werden angelegt, Erinnerungskisten mit wesentlichen Teilen der Geschichte des Kindes zur Verfügung gestellt, Mappen mit wichtigen Dokumenten gesammelt et cetera Biografiearbeit systematisiert und erweitert diese Vorgehensweise. Die beiden Autorinnen erklären: "Biografiearbeit umfasst die möglichst konkrete Auseinanderssetzung mit der bisherigen Lebensgeschichte, sie hat aber immer auch die aktuelle, gegenwärtige Beschreibung des Kindes und seine Erlebnisse und Erfahrungen zum Inhalt: sein Aussehen, seine Vorlieben, sein Stärken und Schwächen. Auch Informationen über das soziale Umfeld und die Beschreibung wichtiger Menschen werden gesammelt. Zahlreiche Übungen ermutigen Kinder, Gefühle wahrzunehmen und zu beschreiben und sich mit ihrem aktuellen sozialen Umfeld zu befassen. Immer werden während des Arbeitsprozesses auch Aspekte der Zukunft (Was wird aus mir, wie möchte ich einmal leben?) angeschaut und dokumentiert." (Lattschar/Wiemann, Seite 27).

Obwohl Biografiearbeit grundsätzlich mit Kindern jeden Alters möglich ist, gibt es natürlich große Unterschiede, was in welchem Alter sinnvoll ist. Hierauf gehen die Autorinnen unter anderem im ersten Teil des Buches ein, der sich mit Grundlagen und Voraussetzungen der Biografiearbeit beschäftigt und ihre Geschichte, Anwendungsbereiche, Themen und Kompetenzen der begleitenden Erwachsenen diskutiert. Bei Säuglingen und Kleinkindern gehe es vorerst um das Erzählen von Geschichten und das Sammeln und Dokumentieren von Informationen und Erinnerungsstücken von früher. Dies sei eine Aufgabe für die Eltern bzw. Erwachsenen in Elternfunktion, die bis ins Jugendalter die wichtigsten Stützen der Biografiearbeit bleiben. Im Kindergartenalter lässt sich die Basis mit Rollen- und Puppenspielen, Zeichnungen und persönlichen Bilderbüchern über die eigene Geschichte weiter ausbauen.

Für Schulkinder erweitern sich die Möglichkeiten nochmals deutlich. Kinder haben in diesem Alter ein großes Interesse an der eigenen Person und sind in der Regel leicht für Biografiearbeit zu begeistern. Nun können Eltern mit ihren Kindern erstmals auf eine der bekanntesten Methoden der Biografiearbeit zurückgreifen, das Lebensbuch. Lattschar/Wiemann widmen dem Lebensbuch im zweiten Teil des Buches - dem Praxisteil - ein eigenes Kapitel, das viele Anregungen bietet, um sich mit der Erstellung eines solchen Buches vertraut zu machen. Eine vorgegebene Kapitelstruktur mit vielen Vorlagen erleichtert die Arbeit am Lebensbuch. Lattschar/Wiemann bieten eine Reihe von Anregungen.

Lebensbücher eignen sich auch für Jugendliche. Allerdings haben Lattschar/Wiemann die Erfahrung gemacht, dass es in dieser Zeit schwieriger wird, Jungen und Mädchen zur Biografiearbeit zu motivieren und dass in diesem Alter nicht mehr unbedingt die Eltern sein sollen, die mit dem/der Jugendlichen an seiner/ihrer Geschichte arbeiten... "Manchmal zeigen sie Desinteresse, manchmal wollen sie wegschieben, was in der Vergangenheit war und richten die Gedanken auf das Jetzt und die Zukunft. Eltern und andere Erwachsene in Elternfunktion sind jetzt nicht immer die optimalen Personen zur Durchführung, da es häufig Konflikte gibt. Gruppenarbeit, die von außen angeboten wird, ist dann oft fruchtbarer als die Arbeit mit einzelnen Jugendlichen." (Seite 53) In der Gruppe geht es dann beispielsweise um gemeinsame Aktivitäten und Aktionen wie einen Film drehen oder Ausflüge an bedeutsame Orte der Vergangenheit unternehmen.

Für all diese Aktivitäten sind im vorliegenden Buch eigene Kapitel vorgesehen: Gruppenarbeiten und andere Methoden des biografischen Arbeitens werden von den Autorinnen ebenso ausführlich besprochen, wie Geschichten, Bilderbücher und Lebensbriefe. Ein eigenes Kapitel widmet sich außerdem dem Umgang mit "schweren Themen" wie Misshandlung in der Familie, psychische Erkrankung, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, aber auch bleibende Lücken in der Vergangenheit. Lattschar und Wiemann gehen davon aus, dass Kinder die Fähigkeit besitzen "schwere Fakten des Lebens als gegeben hinzunehmen, wenn Erwachsene sie dabei unterstützen. Die meisten Kinder fühlen sich befreit und entlastet, wenn sie die Ereignisse bewusst erfassen und einordnen können. Kinder haben ganz offensichtlich ein größeres Potenzial, Schweres zu verarbeiten, als Erwachsene sich vorstellen." (Seite 179) Wie derartige Geschichten zusammenhängend dargestellt und für Kinder formuliert werden können, dafür geben die Autorinnen Beispiele.

"Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte" kann als Lektüre Fachkräften ebenso empfohlen werden wie Pflege- und Adoptiveltern. Das Buch liest sich leicht, wird durch Fallbeispiele und Anregungen aus der Praxis sehr lebendig und hinterlässt mit seinen zwei Teilen - einem theoretischen über "Grundlagen und Voraussetzungen" und einem Praxisteil - den Eindruck, einen wirklich umfassenden Einblick in das Thema bekommen zu haben. Für den einen oder die andere wird es vielleicht auch Anregung sein, vermehrt in diese Richtung zu arbeiten?

(Jutta Eigner)


Lesen Sie weiterführende Artikel auf adoptionsberatung.at unter "Aufklärung und Biografiearbeit":

http://www.adoptionsberatung.at/index.php/article/archive/75/

Veröffentlichungsdatum: 28.07.2008