Unterstützung bei Herkunftsfragen und Herkunftssuche

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Sabine Benisch von „familie international frankfurt“ im Gespräch über die von ihrer Organisation angebotene Unterstützung Adoptierter bei der Herkunftssuche und die neue „Hotline Herkunft“.

Hotline Herkunft

"familie international frankfurt" hat ganz aktuell eine „Hotline Herkunft“ ins Leben gerufen. Können Sie Ihre Organisation kurz vorstellen. Was waren Ihre Beweggründe die Hotline ins Leben zu rufen und welche Ziele verfolgen Sie damit?

"familie international frankfurt" ist der deutsche Partner eines internationalen Netzwerkes von Fachstellen. Mit unseren Partnern können wir Menschen helfen, die sich weltweit auf die Suche nach ihrer Herkunft machen wollen. Wir unterstützen Adoptierte, Eltern, die ihre Kinder zur Adoption freigegeben haben, aber auch Menschen, die ihre Väter, Mütter oder andere verwandte Personen suchen. In unserer Organisationsform sind wir ein gemeinnütziger Verein und zudem anerkannte Adoptionsvermittlungsstelle. Meine Kollegin Heidemarie Bienentreu und ich arbeiten seit fast 20 Jahren im Bereich der internationalen Sozialarbeit und haben schon viele Menschen bei ihrer Suche begleitet.

Mit unserer „Hotline Herkunft“ möchten wir Betroffene erreichen, die Fragen zur eigenen Herkunft besprechen möchten. Wir machen die Erfahrung, dass neben der Neugier auch Ängste, Unsicherheiten und Scham eine große Rolle spielen. Oft ist es wichtig diese Themen zunächst zu besprechen. Erst dann können die Betroffenen für sich selbst klären, inwieweit sie sich nunmehr dieser Herkunft stellen beziehungsweise auch auf die Suche danach gehen wollen. Aus Gesprächen mit anderen Fachstellen und unseren eigenen Erfahrungen haben wir herausgehört, dass dafür eine Gesprächsgruppe oft nicht der richtige Rahmen ist. Daher die Überlegung dieses offenen Angebots. Sollten die Betroffenen es wünschen, würden wir an Fachstellen vor Ort weiterverweisen oder mit ihnen mögliche Wege für eine Suche besprechen.

Die Hotline ist natürlich auch für Fachleute offen.

Gibt es einen direkten Zusammenhang zur Arbeit in der Adoptionsvermittlungsstelle oder sind das getrennte Bereiche?

Die Adoptionsvermittlung und die Herkunftssuche sind zwei unterschiedliche Arbeitsbereiche unserer Einrichtung. Als Adoptionsvermittler wissen wir jedoch um die Problematik bei offenen und ungeklärten Fragen zur Herkunft. Aus vielen Gesprächen mit Suchenden erfahren wir, dass Familiengeheimnisse nie wirklich geheim sind. Sie werden gespürt. Oft werden Unterschiede und Andersartigkeit, die nicht erklärbar sind und auch nicht einzuordnen sind, als Manko erlebt.

Wichtig ist daher Offenheit von Anfang an. Es ist wichtig die Offenheit dem Kind gegenüber zu signalisieren und auch zu leben, dann nachzuspüren wie viel das Kind jeweils zunächst wissen möchte.

Wir widmen der Thematik „Herkunft“ daher schon in der Vorbereitung der Adoptivbewerber einen größeren Raum. Wir geben den Adoptivbewerbern ganz konkret Tipps an die Hand, wie sie mit den Kindern das Thema Adoption besprechen können. So geben wir Hinweise auf Kinderbücher und empfehlen von Anfang an ein Buch über die Adoption zu führen, welches mit den Kindern durchgeschaut werden kann. Hier können di e Bewerber eintragen, wann und wie sie sich auf den Weg gemacht haben, was in ihnen vorging und wie die ersten Kontakte mit dem Kind waren. Alles kann mit Fotos ergänzt werden. Wir erleben aber auch immer wieder, dass die Bewerber erst mit konkreten Fragen kommen, wenn das Kind tatsächlich da ist. Auch hier stehen wir zur Verfügung.

Wie lange bieten Sie die Herkunftssuche schon an?

Wir arbeiten schon seit über 15 Jahren im Bereich der Herkunftssuche.

Die Thematik der Herkunftssuche ist mehr in den Fokus der Fachwelt, aber auch der Öffentlichkeit gerückt. Die Menschen können erst in den letzten Jahren viel offener mit ihrem Wunsch nach Kenntnis der Abstammung umgehen. Dennoch ist es heute noch immer ein Thema, welches mit Scham und Unsicherheiten einhergeht. Die Beratung hat daher einen größeren Rahmen eingenommen. Dies schließt auch die Beratung der Vor-und Nachteile von Suchen über Medien wie facebook, Internet oder sogar das Fernsehen ein.

Können Sie uns erzählen, wie eine Herkunftssuche vom ersten Schritt bis zum Abschluss ablaufen könnte?

Die meisten Suchenden melden sich bei uns per email oder telefonisch. Als ersten Schritt versuchen wir mit den Betroffenen herauszufinden, welche Informationen genau vorliegen. Wir geben den Suchenden dafür einen Fragebogen an die Hand, der als Rahmen für ihre Überlegungen dienen soll. Durch genaue Nachfragen kommen manchmal noch mehr Informationen zu Tage als bislang angenommen. Informationen, die die Suchenden oft für nicht wichtig gehalten hatten. Durch unsere lange Erfahrung wissen wir auch, welche Informationen in den einzelnen Ländern wichtig sind. So sind manchmal Geburtsdaten wichtig, für andere Länder Geburtsorte und so weiter.

Bei der Zusammenstellung der Informationen bitten wir die Suchenden auch etwas von ihrer aktuellen Lebenssituation zu berichten. Dies soll den Kollegen vor Ort ermöglichen, sich in die Suchenden mit ein zudenken und bei einem Kontakt Interesse auf der Seite des Gefundenen zu wecken.
Zuletzt ist es noch wichtig, dass wir von den Suchenden den Grund der Suche erfahren. Wir können nur mitarbeiten, wenn es um Fragen zur Herkunft geht. Anfragen, welche sich um finanzielle Belange (Unterhalt, Erbschaft) drehen, können von uns nicht angenommen werden.

Nachdem wir alle Informationen vorliegen haben, besprechen wir (per Mail oder telefonisch) die möglichen Schritte. Erst dann müssen sich die Suchenden entscheiden, ob Sie mit uns arbeiten möchten. Möchten sie dies, dann fällt nunmehr unsere Suchgebühr an. Wir arbeiten mit einer Suchpauschale von 385,20€. Je nach vorliegenden Informationen kann es jedoch sein, dass wir nur einzelne Arbeitsstunden zur Vorklärung in Rechnung stellen, wobei diese dann angerechnet werden, wenn eine umfassende Suche möglich wird.

Die vorliegenden Informationen werden von uns zusammengestellt und an die entsprechenden Kollegen unseres Netzwerkes ins Ausland geschickt. Mit den dort vorhandenen Möglichkeiten erfolgt dann die Suche (Suche über Datenbanken, Kontakt mit Meldebehörden...). Da wir mit sozialen Fachstellen zusammen arbeiten, erhalten diese Stellen wiederrum in ihren Ländern die Informationen. Die Gefundenen werden zumeist vorsichtig schriftlich kontaktiert, mit der Bitte sich zurück zu melden. Erste Kontakte laufen in der Regel über unsere beiden Fachstellen, auch um ein erstes Kennenlernen ohne Bedenken zu ermöglichen, bereits zu viel preiszugeben. Sobald beide Seiten dies wünschen, werden die Kontaktdaten ausgetauscht, so dass ein direkter Kontakt möglich wird.

Ob jemand gefunden werden kann, hängt ganz von den vorhandenen Informationen ab. Aufgrund unserer langen Erfahrung können wir zu Beginn aber meist ganz gute Prognosen abgeben. Wichtig ist vorab mit den Suchenden zu thematisieren, dass ein Finden einer Person nicht bedeutet, dass diese sich auch auf die Kontaktanfragen hin meldet. Manchmal erleben wir es auch, dass die Gesuchten bereits verstorben sind, können dann aber zuweilen andere Familienangehörige wie zum Beispiel Halbgeschwister finden.

Inwieweit und wie oft müssen Suchende zu Ihnen nach Frankfurt kommen?

Ein persönliches Gespräch kommt oft gar nicht zustande. Die Kontakte erfolgen schriftlich, per email oder telefonisch. Sofern die Suchenden dies wünschen, stehen wir jedoch für persönliche Gespräche zur Verfügung.

Wenden sich vorrangig Erwachsene an Sie oder suchen auch Adoptiveltern mit jüngeren Adoptivkindern nach deren leiblichen Eltern?

Unserer Erfahrung nach müssen die Suchenden meist ganz gut im eigenen Leben „verankert“ sein. Dies bedeutet, dass die meisten Suchenden bereits rund um 40 Jahre alt sind. Oft werden Suchen bei Umbrüchen im Leben begonnen.

Suchen lösen viele Emotionen in den Suchenden aus. Es sollte daher primär den direkt Betroffenen zustehen, ob sie sich dem stellen wollen. Sofern sich Adoptiveltern bei uns melden, thematisieren wir dies auch mit ihnen, um dann zu klären, inwieweit der Wunsch von ihnen ausgeht, oder tatsächlich bereits vom Adoptivkind.

Oft besteht bei internationalen Adoptionen die Befürchtung, dass keine Spuren der leiblichen Eltern mehr zu finden sind, wenn zu viel Zeit zwischen der Adoption und einer Suche vergeht. Das setzt Adoptiveltern unter Druck, möglichst früh mit einer Herkunftssuche zu beginnen. Wie ist hier Ihre Einschätzung?

Herkunftssuche sollte zu aller erst der Person zustehen, die davon direkt betroffen ist. Diese Person sollte auch für sich entscheiden können, wann sie mit der Suche beginnen möchte. In der Beratung versuchen wir mit den Adoptiveltern zu klären, inwieweit der Wunsch mehr über die Herkunft zu erfahren, überhaupt schon beim Kind besteht. Falls das Kind den Wunsch äußert, halten wir es für erforderlich, dass die Familie sehr engmaschig fachlich vor Ort begleitet wird.

Sollte der Wunsch nach der Suche zunächst rein auf dem Hintergrund der Datensammlung geschehen, dann geben wir zu bedenken, dass die Adoptiveltern hiermit selbst ein Geheimnis schaffen, da sie möglicherweise Angaben zu den leiblichen Eltern erfahren, die sie dem Kind nicht beziehungsweise noch nicht weitergeben möchten. Im Allgemeinen raten wir von solch einer Suche ab.

Haben Sie auch Erfahrung mit Herkunftssuchen, wo - wenn es ein finanzielles Gefälle zwischen abgebenden Eltern/teilen und Adoptierter/m gibt - es zu Wünschen nach materieller Unterstützung kommt. Was empfehlen Sie, in solchen Situationen zu tun?

Durch unsere Aufstellung als Netzwerk haben wir die Möglichkeit, dass der Kontakt zunächst nur über unsere Fachstellen geführt wird. Dies erlaubt beiden Seiten sich kennen zu lernen und auch sensibel zu werden für mögliche Fragestellungen, wie eventuelle materielle Unterstützung. Grundsätzlich erleben wir, dass großes materielles Gefälle für die Suchenden als belastend erlebt wird und vielfach mit Schuldgefühlen einhergeht.

In jedem Fall sollen wir als Fachstellen Mensche

 

n, die sich auf die Suche machen wollen, gute Unterstützung auf diesem Weg geben. Denn egal welches Alter die Suchenden haben, eine Suche ist immer ein emotional aufwühlendes Erlebnis.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sabine Benisch ist Diplom-Sozialpädagogin, Mediatorin und Mitarbeiterin von „familie international frankfurt e.V."
Das Gespräch führte Jutta Eigner.

 

Nähere Informationen finden Sie unter http://www.fif-ev.de.
Erfahrungsberichte von Suchenden sind nachzulesen unter http://www.fif-ev.de/personensuche/erfahrungsberichte/erfahrungsberichte.html


Hotline Herkunft für Fragen rund um das Thema Herkunftssuche/Identität: 069 - 95 630 744     
Mo – Do 10.00-14.00h (14 Cent/Min. aus dem Festnetz / 42 Cent/Min aus deutschen Mobilfunknetzen; Stand: Juli 2012)